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Predigt und Gedanken vom Sonntag 14. Juni 2020

Predigt über Apg. 4, 32-37 am 14.06.2020 in Beilstein (von Dr. Klaus Schmidt):

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in der Apostelgeschichte im 4. Kapitel Vers 32 -37:

 

Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

Liebe Gemeinde, das klingt wirklich zu gut, um wahr zu sein, was Lukas da in seiner Apostelgeschichte schreibt. Das konnte doch nie funktionieren. Das ist ja der reinste Kommunismus und der hat noch nie funktioniert. Das stimmt ja auch. Wenn wir die Apostelgeschichte weiterlesen, kommt gleich im Anschluss die Geschichte von Hananias und Saphira, die den ganzen Egoismus und die Unehrlichkeit vieler Menschen zeigen. Und bei Paulus lesen wir in seinen Briefen, dass er für die arme Gemeinde in Jerusalem gesammelt hat. Also ist das nur ein schönes Märchen, ein Wunschtraum der Gemeinde, die an die baldige Wiederkunft Jesu glaubt und dann ganz gewaltig an der harten Wirklichkeit scheitert.

Wenn wir die Geschichte so lesen, dann haben wir eine ganze Menge nicht begriffen. Das wäre genauso schlimm, wie wenn wir diesen Bericht des Lukas als Anleitung für eine politische Theorie und/oder ein Wirtschaftssystem interpretieren wollten. Es lohnt sich, wie üblich, den Text sehr genau und auch im Zusammenhang zu lesen.

Als Lukas diese Geschichte aufschrieb, war mindestens eine Generation seit den Anfängen der Gemeinde vergangen. Lukas schrieb sein Evangelium und die Apostelgeschichte in Form eines Berichtes für einen Freund und begründete das auch am Anfang seines Evangeliums: "Viele haben es schon für nötig gehalten, Bericht zu geben. So habe ich es auch für gut gehalten, nachdem ich alles sorgfältig erkundet habe, es für dich in guter Ordnung aufzuschreiben." Er hat sich also aus Originalquellen und von den Augenzeugen, die es damals noch gab, kundig gemacht und versucht, das in einer geordneten Darstellung zusammenzufassen. Am Anfang der Apostelgeschichte berichtet er über ein Gespräch der Jünger mit dem auferstandenen Jesus: Jesus fordert sie auf, in Jerusalem zu bleiben und zu warten, bis Gott ihnen seinen heiligen Geist schickt. Sie fragen: "Herr, wirst du in dieser Zeit das Reich Israel wieder aufrichten?" Er antwortet ihnen: "Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat. Ihr werden die Kraft des heiligen Geistes empfangen und werdet Zeugen sein, in Jerusalem, in ganz Israel und darüber hinaus bis ans Ende der Erde." Da ist keine Rede von Naherwartung und baldiger Wiederkunft.  Wenn wir dann den Text direkt vor unserem Predigttext lesen, so schreibt Lukas über die Apostel, die in Jerusalem das Evangelium von Jesus Christus verkündigen und davor vom Hohen Rat eingesperrt und bedroht werden, ohne dass sie sich deswegen von ihrer Botschaft abbringen lassen. Entsprechend stellt Lukas auch die Gemeinde dar: Das ist keine abgekapselte Kommune von Utopisten und Endzeitpropheten, sondern: ...mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Sie sind aktiv in der Verkündigung und kümmern sich umeinander: "Es gab auch keinen unter ihnen, der Mangel litt ... man gab einem jeden, was er nötig hatte." Lukas schreibt auf, wo die Gemeinde ihre Prioritäten setzte: "Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam." Das ist doch etwas ganz Anderes als ein Gesellschaftsmodell, wo alle gleich sind - natürlich sind dann einige etwas gleicher - und für die meisten gilt: "Hammer nich, krie´mer auch nich wieder rein" und für die etwas gleicheren gibt es Bückware. Hier geht es nicht darum, dass der ganze Besitz sozialisiert und im günstigsten Falle gleichmäßig verteilt wird. Hier geht es darum, dass die Gemeinde, die sich ja als jüdische Gemeinde verstand, sich an die Worte Jesu erinnert und an die Anfänge des Judentums. Sie erinnerten sich an Jesus, der ihnen gepredigt hatte: "Kehrt um, ändert euer Leben, denn das Reich Gottes ist euch nahe." Sie kannten die Geschichte von dem reichen Jüngling, den Jesus bedauert hatte, weil er nicht loslassen konnte. Sie wussten, wie Jesus auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot geantwortet hatte: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und dieses ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Sie kannten die Jünger, die Jesus ohne Geld und Vorräte losgeschickt hatte, um seine Botschaft zu verkünden. Danach setzten auch sie ihre Prioritäten. Sie fragten: "Was ist uns wichtig und was brauchen wir?" Und Besitzansprüche auf irgendwelche Immobilien oder Grundstücke, auf Vermögenswerte, die über den Bedarf hinausgehen, die kamen für sie nicht an erster Stelle. Dass alle ein Dach über dem Kopf hatten, alle satt wurden, alle anständige Kleider hatten und niemand bei schlechtem Wetter frieren musste, das war ihnen wichtig. Sie wussten, dass das Land nicht ihr eigen war, denn schon in der Thora sagte Gott seinem Volk: Es ist mein Land, ihr seid meine Gäste.  Sie erinnerten sich auch daran, wie es dem Volk Israel auf der Wüstenwanderung erging, als Gott ihnen täglich das Manna gab: Jeder konnte sich so viel nehmen, wie er brauchte, nicht so viel, wie er zusammenraffen konnte, denn was nicht für den Bedarf dieses Tages verbraucht wurde, das verdarb. Sie beteten zusammen, wie Jesus es sie gelehrt hatte und wie wir es heute noch beten: Unser tägliches Brot gib uns heute.

Da können wir, wenn wir zusammen beten, auch unseren ganz aktuellen Bezug anknüpfen: Unser tägliches Brot gib uns heute. Darin steckt so viel zum Nachdenken. Unser Brot gib uns heute, das ist mehr als: Gib mir. Es schließt uns alle und alle Mitmenschen mit ein, und bittet darum, dass keiner Not leiden muss. Wenn wir den Predigttext von diesem Standpunkt her betrachten, ist er plötzlich ganz aktuell - nicht als sozialistische Gesellschaftsutopie, sondern als realer Lebensentwurf. Gerade jetzt in den Zeiten der Einschränkungen durch die Pandemie sind viele Menschen dazu angeregt worden oder gezwungen worden, sich zu fragen: Was brauchen wir wirklich, was brauchen unsere Mitmenschen wirklich? Dabei wurde vielen, die freiwillig oder unfreiwillig isoliert waren, klar, dass die Gemeinschaft mit anderen Menschen einen Stellenwert besitzt, den man nicht mit materiellen Werten ausgleichen kann. Der Neustart der zwangsgebremsten Wirtschaft soll auch - nicht nur bei uns - unter anderen Kennzeichen erfolgen. Viele, auch zum Glück viele Verantwortliche und Politiker haben erkannt, dass jetzt die Chance und auch die Notwendigkeit besteht, unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Handeln zu überdenken. Die Engpässe von Medikamenten bis zu Bauteilen in der Industrie haben uns die Grenzen und die Verwundbarkeit unserer globalisierten Wirtschaft und Gesellschaft aufgezeigt. Fragen wir uns also auch: Was brauchen wir wirklich, und vergessen wir nicht, wie wir die Einschränkungen gemeistert haben. Lukas hat das auch zu seiner Zeit schon erlebt, wie die Gemeinden genau diese Erfahrung der ersten Gemeinden schnell vergessen haben und die, die viel hatten, auf die herabsahen, die weniger hatten. Darum hat er "wohl erkundet und in guter Ordnung aufgeschrieben", was der ersten Gemeinde in Jerusalem wichtig war. Barnabas - Sohn des Trostes - die Erwähnung des Beinamens von Josef aus Zypern war Lukas wichtig, war einer der ersten, der einen Acker verkaufte und das Geld in die gemeinsame Kasse gab. "Es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte" - auch das ist Lukas wichtig. Es geht nicht darum, dem, der etwas hat, seinen Besitz wegzunehmen, sondern dem, der etwas braucht, von dem Vorhandenen zu geben. Das ist auch in der folgenden Geschichte von Hananias und Saphira der entscheidende Punkt, den Petrus ganz deutlich ausspricht: "Wenn ihr den Acker für euch behalten hättet, oder den Verkaufserlös nach euren eigenen Wünschen verwendet hätte, hätte niemand etwas gesagt. Aber ihr tut so, als hättet ihr alles für die Gemeinde gegeben und versucht, Gott zu betrügen, das kann nicht gut gehen."

Lukas ist also ganz schön aktuell - für seine Zeitgenossen damals und für uns heute.

Nehmen wir von diesen ersten Christen vielleicht ein paar Ideen mit in den Alltag: 1.) Hören wir darauf, was Jesus seinen Jüngern vermittelt hat. 2.) Fragen wir uns, was wir wirklich brauchen und was unsere Nächsten brauchen. 3.) Es geht nicht darum, dem, der etwas hat, seinen Besitz wegzunehmen, sondern dem, der etwas braucht, von dem Vorhandenen zu geben. Versuchen wir so zu handeln, dass niemand einen Mangel haben muss, nur damit wir mehr haben als nötig. 4.) Denken wir an das Wort Gottes: Es ist mein Land, meine Welt - ihr seid nur Gäste.

Denken wir beim Gebet des Vaterunsers daran, dass es heißt: Unser täglich Brot gib uns heute. Uns, das bedeutet alle Geschöpfe Gottes und nicht "wir" im Gegensatz zu "den Anderen".  Wenn wir Lukas so verstehen, dann macht die Geschichte von der "kommunistischen" Urgemeinde heute noch Sinn.  Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 

Predigt und Gedanken Sonntag, 07. Juni 2020

Predigt am 07.06.2020 (Trinitatis) in Beilstein (Predigttext: 4. Mose 6, 22-27):

  

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,

und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.  

 

Der Predigttext für den heutigen Dreieinigkeitssonntag steht im 4. Buch Mose, Kapitel 6, Vers 22-27. Und dort lesen wir folgendes:

 

22 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der Herr segne dich und behüte dich; 25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

 

Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören!

Schenke uns ein Herz für dein Wort - und ein Wort für unser Herz! Amen.  

 

Liebe Gemeinde!

Diese Worte, die wir eben im Mittelpunkt unseres Predigttextes gehört haben, die kennen wir sicherlich alle. Denn wir hören sie am Ende jedes Gottesdienstes als Segenszuspruch: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

Es vergeht kein Gottesdienst, ohne dass uns am Ende diese oder ähnliche Worte zugesprochen werden. Und höchstwahrscheinlich würden wir sie vermissen, wenn wir unsere Gottesdienste auf einmal ohne diesen Segen beenden würden.

Wie kommt das? Liegt das nur daran, dass wir uns daran gewöhnt haben und das Gefühl haben: Das war schon immer so; der Segen stand schon immer am Ende des Gottesdienstes; und deswegen gehört er auch künftig dorthin und muss da auch bleiben? Oder würden wir den Segen vermissen, weil er uns wichtig ist?

Fragen wir uns doch einfach jeder mal selbst: Was bedeutet mir eigentlich der Zuspruch des Segens Gottes? Ist das für mich letztlich nichts weiter als eine bloße Abschiedsformel? Ein anderer, nur eben etwas frömmerer Ausdruck für „Mach’s gut!“? So wie wir zur Begrüßung manchmal „Grüß Gott“ sagen? - Oder ist dieser Segen für mich sogar ganz im Gegenteil eine geradezu magische Handlung, durch die regelrecht göttliche Kräfte auf mich übergehen und einfließen? - Oder liegt die Bedeutung des Segens für mich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, ohne dass ich jedoch erklären könnte, was genau er für mich bedeutet?

Mitunter erlebe ich es schon mal, dass mir Leute nach einem Gottesdienst dezent zu verstehen geben, die Predigt wäre an Ihnen eigentlich völlig vorbei gegangen. Aber mit leeren Händen würden sie dennoch nicht aus dem Gottesdienst gehen; denn sie hätten ja Gottes Segen zugesprochen bekommen und mitgenommen.

Und bei Krankenbesuchen bei Schwerkranken, da staune ich immer wieder, wie bewegt viele dieser schwerkranken Menschen sind, wenn ich ihnen am Ende meines Besuches unter Handauflegung Gottes Segen zuspreche. Diese Worte bewirken offenbar doch weit mehr, als bloße Abschiedsworte es könnten.

Eine Beschwörungs- oder gar Zauberformel ist dieser Segen dadurch zwar noch lange nicht. Aber mehr als eine bloße Verabschiedungsformel ist er allemal. Er ist ein wirklicher Zuspruch, durch den jemand Gott anbefohlen wird. Wenn wir über jemandem diesen Segen aussprechen, dann bitten wir dadurch Gott darum, dass er bei ihm ist, ihm zur Seite steht und ihn begleitet und behütet.

Gott selber erklärt dies in unserem Predigttext in dem letzten Vers, der im Anschluss an diese Segensworte den Text abschließt, so: „So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Wenn wir also jemanden segnen, dann legen wir sozusagen Gottes Namen auf ihn. Und so wie unser Nachname uns und anderen zeigt, wes Kind wir sind, so zeigt der Segen, durch den Gottes Name auf uns gelegt wird, dass wir Kinder dieses Gottes sind und dass er also unser Vater ist, der für uns da ist und uns behütet.

Und wenn dieser Segen bewusst am Ende des Gottesdienstes steht, dann bedeutet das folglich, dass Gottes Segen uns nicht nur im Gottesdienst, sondern auch und gerade in unserem Alltag begleiten will. Denn nach dem Gottesdienst, in dem Gott uns dient, beginnt ja bekanntlich der Gottesdienst, in dem wir Gott dienen.

„Der Herr segne dich!“ Was heißt das eigentlich ganz praktisch? Segen in der Bibel meint genau genommen die Kraft, die Leben schafft, erhält und fördert. Von Gottes Segen hängt es also letztlich ab, ob aus einem Samenkorn Frucht wächst, ob ein Kind geboren wird und zu einem Erwachsenen heranreift, ob wir genügend Nahrung und Kleidung haben, ob uns unsere Arbeit gelingt, ob unsere Medizin wirkt und dergleichen mehr.

„Der Herr behüte dich!“ Das heißt: Er schütze dein Leben. Er bewahre es vor allem Lebensfeindlichen und allem Lebensbedrohlichen: vor Gefahr und Krankheit, vor Unfall und Leid. Also auch und gerade für die aktuelle Corona-Krise eine sehr schöne Zusage!

„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir!“ Das ist natürlich bildhaft gemeint, denn Gottes wirkliches Angesicht vermag ja bekanntlich niemand zu sehen. Aber ich denke, mit einem leuchtenden Angesicht verbinden wir sicherlich noch mehr. Wenn uns zum Beispiel jemand mit leuchtenden Augen anstrahlt, ganz besonders kleine Kinder, dann spüren wir dadurch: Hier ist mir jemand freundlich gesinnt, hier mag mich jemand, findet Gefallen an mir und freut sich, mich zu sehen.

„Gott möge glücklich sein, wenn er dich sieht!“ So könnte man diesen Teil des Segens folglich auch durchaus zutreffend widergeben. Und Gottes Freude in seinem Angesicht erwärmt dann wiederum auch mich selbst und schenkt auch mir Freude.

„Der Herr sei dir gnädig!“ Was hier mit gnädig sein übersetzt wird, meint eigentlich soviel wie: solidarisch sein, an meiner Seite stehen, mir verzeihen, mein Freund sein.

„Der Herr sei dir gnädig!“ meint also: Gott sei dein Freund und stehe dir immer zur Seite, wenn du ihn brauchst. Und zugleich: Er möge dich annehmen, wie du bist, mit all deinen Stärken und Schwächen - und nicht zuletzt auch mit all deinen Marotten und Macken. Und er möge dir vergeben, wenn du an ihm und an anderen Menschen schuldig geworden bist.

„Der Herr erhebe sein Angesicht über dich!“ Bei diesen Worten denken wir vielleicht zunächst einmal an das genaue Gegenteil. Denn wenn uns etwas peinlich ist, dann senken wir ja in aller Regel den Kopf. Und wenn wir es dabei überhaupt nicht mehr wagen, jemandem in die Augen zu schauen, dann ist das in der Regel ein recht deutliches Zeichen dafür, dass mit unserer Beziehung zu ihm etwas nicht stimmt.

Gott dagegen, so heißt es in unserem Segen, möge sein Gesicht heben und uns offen und freundlich - und ohne Hintergedanken - ansehen. Und dabei möge er sein Gesicht so über uns beugen wie eine Mutter über ihr gerade zu Bett gebrachtes Kind.

Und schließlich heißt es zum Abschluss des so genannten aaronitischen Segens: „Der Herr gebe dir Frieden!“ Oder um es in der hebräischen Ursprache des Alten Testaments zu formulieren: Gott gebe dir seinen „Schalom“. Und dieses hebräische Wort Schalom, das umfasst ja eigentlich noch weit mehr als nur das, was wir gemeinhin unter Frieden verstehen. Es meint eher soviel wie Befriedigung, und zwar im umfassenden Sinne.

Etwas konkreter formuliert bedeutet „Der Herr gebe dir Frieden!“: Gott gebe dir all das, was du brauchst, um befriedigt, zufrieden und glücklich zu sein. So wie bei einem Baby, das, wenn es gerade getrunken hat, ganz und gar befriedigt und zufrieden ist und sich durch nichts so schnell erschüttern lässt. Es hat dann alles, was es braucht, und fühlt sich durch und durch wohl. Befriedigt und gesättigt!  

All das meint nämlich dieses Wort Schalom: zufrieden sein können, Wohlbefinden verspüren, von allem Notwendigen genug haben und rundum befriedigt, wohlversorgt und glücklich zu sein. Und das schließt den Frieden im engeren Sinne natürlich mit ein. Denn Befriedigung kann ich nur finden, wenn ich zugleich auch im Frieden lebe: im Frieden mit Gott, im Frieden mit mir selbst und im Frieden mit anderen.  

Mit all dem möchte Gott uns also segnen. Denn Gott möchte, dass es uns gut geht und dass es uns an nichts fehlt. Und eben darum ist sein Segen auch so wichtig für uns.

Allerdings dürfen wir bei all dem auch eines nicht vergessen und außer Acht lassen. Nämlich: Gottes Segen ist nicht nur für uns allein bestimmt. Der tiefere Sinn des Empfangs von Gottes Segen besteht letztlich nämlich darin, dass wir ihn nicht für uns behalten, sondern ihn weitergeben an andere. Denn Gottes Segen möchte geteilt werden und Kreise ziehen.

Genügend Möglichkeiten dazu, Gottes Segen weiterzugeben und somit auch selber anderen Menschen zum Segen zu werden, hat jeder von uns. Gerade in der jetzigen Krisenzeit, wo der Menschheit vieles zum Fluch, aber auch vieles zum Segen dienen kann. Und je mehr wir den von Gott empfangenen Segen nicht nur für uns behalten, sondern ihn zugleich auch weiter-geben an andere, desto mehr wird Gottes Segen in dieser Welt Kreise ziehen. Und desto fried-licher, gerechter und segensreicher wird es dann auch in unserer Welt zugehen.

Und genau so war es ja letztlich schon von Beginn an, seit der Zeit unserer Urväter, wie zum Beispiel bei Abraham. Als der von Gott den Auftrag bekam, seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das Gott selber ihm zeigen wollte, da sprach Gott ihm zu: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2)

Und genau das gleiche will Gott auch uns heute noch sagen, wenn wir uns unter seinen Segen stellen und uns diesen zusprechen lassen: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein.“ Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt und Gedanken Pfingstsonntag

Predigt am 31.05.2020 (Pfingstsonntag) in Beilstein und Rodenroth (Text: Apg. 2, 1-21): Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus! Amen. Der Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag steht in der Apostelgeschichte, Kapitel 2, Vers 1-21. Und dort lesen wir folgendes: 1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. 14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. 21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.« Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören! Schenke uns ein Herz für dein Wort - und ein Wort für unser Herz! Amen. Liebe Gemeinde! Von überall her strömten sie nach Jerusalem. Juden aus aller Herren Länder pilgerten zum Tempel, um dort das Pfingstfest bzw. Wochenfest zu feiern. Das war eine Art Erntedankfest aus Anlass der ersten Weizenernte - und zugleich ein Fest, an dem das Volk Israel an den Bund gedachte, den Gott einst mit ihnen geschlossen hatte. Es war wie jedes Jahr ein großes Volksfest. Die Stadt war voller Menschen und alle strömten zum Tempel. Auch Jesu Jünger waren in Jerusalem. Hier hatten sie sich - zehn Tage nach Jesu Himmelfahrt - wieder getroffen und wollten zusammen das Pfingstfest erleben. Und auf einmal passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte - was aber in der Folgezeit die Welt verändern sollte. Was da genau passierte, lässt sich nur schwer begreifen und wiedergeben. Auch Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, tut sich schwer damit. Er schreibt von einem Brausen, das plötzlich vom Himmel kam, und von einem züngelnden Feuer, das sich auf Jesu Jünger niederließ. Und was das alles zu bedeuten hatte, das erklärt er mit den knappen Worten: „Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist.“ Was das nun genau zu bedeuten hatte, schreibt Lukas nicht. Wohl aber, was für Folgen es hatte. Nämlich: „Sie fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ Und zwar redeten sie von den „großen Taten Gottes“, also davon, was Gott alles durch Jesus getan und bewirkt hat. Wie er durch Jesu Kommen die Verheißungen des Alten Testaments erfüllt hat, welche Wunder Gott durch ihn vollbracht hat und dass er ihn nach seiner Kreuzigung wieder von den Toten auferweckt hat. Und vor allem auch, was dieser Jesus - ganz egal ob damals oder heute - für unser aller Leben bedeutet. Das alles erzählen Jesu Jünger vor diesen riesigen Menschenmassen, die da aus Anlass des Wochenfestes durch Jerusalem ziehen. Und das bedeutet: Diese Jünger haben von jetzt auf gleich eine gewaltige Wandlung mitgemacht: eine Wandlung um 180 Grad von verschreckten und verängstigten Anhängern Jesu, die sich zuletzt nur noch heimlich trafen, zu mutigen und vollmächtigen Aposteln, die frei und offen vor einer riesigen Menschenmenge von dem sprechen, was sie glauben. Und eben das durch die Wirkung des Heiligen Geistes. Dieser Heilige Geist scheint also gewaltige Kräfte zu haben und freizusetzen. Und wenn ich mir versuche, das ganz praktisch vorzustellen, dann kommt mir das so ähnlich vor wie das, was wir gerade seit einem knappen Vierteljahr weltweit in Sachen Corona-Virus erleben. Denn da stelle ich einerseits, was die Verbreitung betrifft, große Parallelen fest, muss aber andererseits auch klar erkennen, dass die Auswirkungen gegenteiliger nicht sein könnten. Jesu Jünger, so könnte man sagen, wurden durch den Heiligen Geist, regelrecht infiziert. Und sobald sie anfingen, von ihm getrieben zu reden, wurden andere Menschen, die ihnen zuhörten, ebenfalls infiziert. Und so hat sich das Evangelium mehr und mehr verbreitet. Das Ganze ist also durchaus vergleichbar damit, wie Menschen heute durch das Corona-Virus infiziert werden und wie sich dieses dadurch dann auch mehr und mehr verbreitet, wenn die Infizierten selbst dann auch wieder mit anderen Menschen in Berührung kommen. Sehen kann man weder das Corona-Virus noch den Heiligen Geist, ersteres höchstens unter dem Mikroskop und letzteren gar nicht, denn die Feuerflammen, die auf die Jünger herab-kamen, waren ja nicht der heilige Geist selbst, sondern nur Begleiterscheinungen, die am ersten Pfingstfest dieses besondere Ereignis noch etwas besser veranschaulichen und unter-streichen sollten. Aber die Auswirkungen sind in beiden Fällen gewaltig. Einen riesigen Unterschied gibt es aber trotz allem zwischen dem Corona-Virus und dem Heiligen Geist. Denn das Corona-Virus ist destruktiv, zerstörerisch, Angst verbreitend, krank machend und nicht selten sogar tödlich. Und darum sollten wir auch alles nur Mögliche tun, um eine Infizierung mit diesem Virus zu vermeiden. - Der Heilige Geist dagegen bewirkt das genaue Gegenteil: Er ist und wirkt tröstend, aufbauend, Mut machend, inspirierend und belebend. Er stiftet Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit statt Einsamkeit und Isolation und er setzt uns in Bewegung und nicht schachmatt. Und so sehr wir uns vor dem Corona-Virus folglich in Acht nehmen sollten, so sehr sollten wir uns vom Heiligen Geist anrühren lassen, uns seinem Wirken aussetzen und uns mehr und mehr von ihm zum Positiven hin verändern lassen, so dass wir letztlich nicht mehr in erster Linie an uns selbst und unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse denken, sondern zuerst an das, was Gott will und was unsere Mitmenschen brauchen. Und dazu verleiht uns Gottes Geist Fähigkeiten und Kräfte, die wir selber gar nicht haben und uns auch nie zugetraut hätten. Ganz besonders macht Gottes Geist uns zu Zeugen für das Evangelium, von dem er möchte, dass möglichst viele Menschen davon erfahren und davon erfasst und infiziert werden. Und wenn wir dabei von Gottes Geist getrieben und geleitet werden, dann stellen wir uns auch nicht mehr die Frage, was andere über uns denken könnten. Genauso wie es die Jünger Jesu damals nicht gestört hat, dass manche sie für betrunken oder verrückt hielten. Wo Gottes Heiliger Geist an und in uns wirkt, da geht uns auf, was Gott uns alles schenkt: nämlich seinen Beistand und seine Nähe, die Vergebung unserer Schuld und jede Menge Kraft und Mut für die Aufgaben, die vor uns liegen. Und was wir selber von Gott geschenkt bekommen, das wünschen wir folglich auch anderen und erzählen ihnen folglich davon. Und so, wie das Corona-Virus für manche verheerende Folgen hat, während andere gar nichts von ihrer Infizierung merken, so wirken auch Gottes Geist und die Verkündigung des Evan-geliums bei den Menschen, die davon hören, ganz unterschiedlich. Die einen sind zutiefst betroffen, erkennen ihre Schuld, lassen sie sich vergeben und kommen zum Glauben an Jesus; und andere halten diejenigen, die ihnen von Jesus erzählen, für betrunken oder bekloppt. Und keiner weiß, warum das bei den einen so ankommt und bei den anderen anders. Und wenn wir auf unser eigenes Leben zurückblicken, dann müssen wir wahrscheinlich erkennen und bekennen, dass wir auch alle mal Phasen hatten, wo alles, was mit Gott, Jesus und Kirche zu tun hatte, bei uns zum einen Ohr rein ging und zum anderen wieder raus. Aber irgendwann hatten wir dann auf einmal so etwas wie eine Erleuchtung; und auf einmal wurde uns - den einen vielleicht schlagartig und den anderen so nach und nach - klar, dass dieser Jesus nicht nur eine historische Gestalt wie Julius Cäsar oder Napoleon war, sondern in der Tat, wie er selber mal von sich gesagt hat, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, und zwar für uns heute noch genauso wie für die Menschen damals. Und derjenige, der diese Erkenntnis in uns wirkt, ist letztlich niemand anderes als dieser Heilige Geist, den Gott uns schenkt und um dessen Kommen und Wirken es heute an Pfingsten geht. Sobald dieser Geist an und in uns wirkt, wird uns klar, dass Christsein nicht aus dem Nachsprechen irgendwelcher Glaubenssätze und dem Einhalten irgendwelcher Gebote besteht, sondern aus einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus. Christsein ist also so etwas wie eine bewusste Lebensgemeinschaft mit Jesus, die sich dann auch - aber nicht als Forderungen von außen, sondern durch einen Antrieb des Heiligen Geistes von innen - auf unser ganzes Leben auswirkt. Dieses Leben wird dann mehr und mehr von Glauben, Liebe und Hoffnung geprägt sein. Und von der Liebe werden auch andere so einiges merken. Wenn Gott uns seinen Geist schenkt und wir uns seinem Wirken nicht widersetzen, dann ändert sich unser Leben von Grund auf. Dann beginnen wir Gottes Wort, wie es uns in der Bibel begegnet, mehr und mehr zu verstehen, und erkennen: Hier geht es tatsächlich um mich! Ich bin hier gemeint! Auch mich ruft Gott, und zwar ganz persönlich, weil er ohne mich nicht sein möchte und ich ohne ihn verloren wäre. Er nimmt mich an, so wie ich bin. Aber er lässt mich auch nicht so, sondern durch seinen Heiligen Geist gestaltet er mich so um, wie er mich - zum Wohl anderer - am besten brauchen kann und haben möchte. Und mit dieser Gewissheit um den eigentlichen Sinn meines Lebens, die Gottes Geist mir schenkt, kann ich ganz neu und ganz anders und vor allem auch viel unbeschwerter und getroster leben, selbst jetzt in der aktuellen Corona-Krise. Und damit hätte Pfingsten dann auch bei mir sein Ziel erreicht. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt und Gedanken Gottesdienst 17. Mai 2020 Beilstein Ralf Peter Jäkel

Predigt am 17.05.2020 (Sonntag Rogate) in Beilstein (Text: Mt. 6, 5-15):

  

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,

und unserm Herrn Jesus Christus! Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag „Rogate“ (= „Betet!“) steht im Matthäus-Evange-lium, Kapitel 6, Vers 5-15. Und dort sagt Jesus - mitten in der Bergpredigt - folgendes:

 

5 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten: „Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören!

Schenke uns ein Herz für dein Wort - und ein Wort für unser Herz! Amen.  

 

Liebe Gemeinde!

Ein äußerst bekannter Text, der uns da heute als Predigttext vorgegeben ist! Zumindest der mittlere Teil, das Zentrum unseres Textes. Nämlich das Vaterunser. Wir sprechen es in jedem Gottesdienst und kennen es sicherlich alle auswendig.

Und ein solches Gebet auswendig zu kennen, das ist auch enorm wichtig. Denn es gibt Situationen im Leben, da gehen uns, wenn wir beten wollen, keine eigenen Worte mehr über die Lippen. Da fehlen uns auf einmal die Worte. Und da ist es dann gut, auf ein solches Gebet, das wir auswendig kennen, zurückgreifen zu können.

Aber: Ein solches Gebet zu sprechen, indem ich es auswendig aufsage, das bringt auch seine Gefahren mit sich. Denn in dem Augenblick, wo ich es auswendig daher sage, mache ich mir über das, was ich da inhaltlich von mir gebe, oft gar keine Gedanken mehr. Ich bete es einfach so, wie ich es immer bete. Und da kann es mir dann schnell passieren, dass ich mir gar nicht mehr darüber im Klaren bin, was ich da eigentlich sage und um was ich Gott dabei bitte.

Wenn Jesus seinen Jüngern - und dadurch letztlich auch uns - dieses Gebet beibringt und dabei sagt: „So sollt ihr beten!“, dann heißt das natürlich nicht: Ihr sollt jetzt immer und überall nur dieses Gebet sprechen und kein anderes. Sondern er will uns mit dem Vaterunser beispielhaft zeigen, worauf es beim Beten eigentlich ankommt.

Nämlich zunächst einmal darauf, dass wir Gott - salopp gesagt - nicht stundenlang zulabern. „Wenn ihr betet“, so sagt Jesus, „sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

Das heißt also: Wenn wir beten, dann kommt es nicht darauf an, dass wir möglichst viel und möglichst lange beten, damit Gott uns auch wirklich erhört. Und wir müssen ihm auch unsere Probleme und Nöte nicht erst lang und breit schildern. Denn Gott weiß schon längst, was uns fehlt. Und darum dürfen und sollen wir ruhig gleich zur Sache kommen.

Was Jesus im Hinblick auf das Beten inhaltlich am Herzen liegt, das sehen wir dann im Vaterunser selbst. Und da fällt mir zunächst einmal auf, dass dieses Gebet nicht mit dem beginnt, was wir brauchen, sondern damit, dass Gott zu seinem Recht kommt. Und so ist in den ersten drei Bitten zunächst einmal von Gott die Rede und erst ab der vierten von uns.

Dreimal geht es zunächst um Gott: „Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“ Und das bedeutet zunächst einmal: Wenn wir beten, dann sollen wir nicht nur - und auch nicht in erster Linie - um das bitten, was wir alles möchten, sondern auch und vor allem um das, was Gott will und was ihm wichtig ist.

Und wenn wir diese Bitten sprechen, in denen es um Gott geht, dann sollten wir uns auch dessen bewusst sein, was wir da beten. Sonst bleiben es bloße Lippenbekenntnisse. Wenn wir sie aber ernst meinen, dann haben sie folglich auch Konsequenzen für uns selber.

„Dein Name werde geheiligt!“: Wenn wir darum bitten, dann müsste es folglich auch klar sein, dass wir selber Gottes Namen heiligen und ihn nicht achtlos in den Mund nehmen.

„Dein Reich komme!“: Wollen wir wirklich, dass es kommt? Dass Jesus wiederkommt und endgültig sein Reich aufrichtet - und das vielleicht sogar schon zu unseren Lebzeiten? Oder denken wir insgeheim vielleicht eher: „Dein Reich komme - aber jetzt bitte noch nicht!“?

„Dein Wille geschehe!“: Wenn wir das beten, dann setzt das eigentlich ganz selbstverständ-lich voraus, dass auch wir selber uns an Gottes Willen orientieren wollen. Denn damit bitten wir Gott ja zugleich darum, dass er auch uns selber dabei hilft, nach seinem Willen zu leben. Und zwar in allen Bereichen unseres Lebens, nicht nur in denen, wo unser eigener Wille ohnehin schon mit Gottes Willen übereinstimmt.

Drei Bitten also ganz zu Beginn, in denen es Jesus darum geht, dass Gott zu seinem Recht kommt - und in denen wir Gott auch in der aktuellen Gegenwart, wo es ständig um die Frage geht, wer oder was eigentlich „systemrelevant“ ist, ganz klar zu verstehen geben: „Das, was für uns - auch und gerade jetzt - am allermeisten systemrelevant ist, das bist zunächst einmal du, Gott.“ Denn wer oder was könnte - gerade jetzt - überhaupt wichtiger sein?!

Und erst nach diesen ersten drei Bitten, die die Systemrelevanz Gottes betonen, kommen die anderen drei Bitten, in denen es um uns und unsere Anliegen geht: „Unser tägliches Brot gib uns heute! Vergib uns unsere Schuld! Und führe uns nicht in Versuchung!“

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“: Eine Bitte, die in unserer westlichen Wohlstandsgesell-schaft wohl eher selten geworden ist! Diejenigen, die die Kriegszeit und die unmittelbare Nachkriegszeit noch miterlebt haben, die konnten eine solche Bitte noch aus vollem Herzen sprechen, denn ihnen fehlte oft wirklich genau das. Und vielen Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika geht es ja heute noch so. Und wer morgens noch nicht weiß, ob er an diesem Tag etwas zu essen haben wird, dem wird das Gebet um das tägliche Brot wesentlich leichter, überzeugender und ehrlicher über die Lippen gehen als uns hier und heute.

Für uns, die wir in unseren Kühlschränken und Speisekammern für mindestens eine Woche genug zu essen haben, ist das tägliche Brot ja längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Und folglich ist auch der Dank dafür meist eher gering - und oft sogar gar kein Thema.

Doch dieses „tägliche Brot“, von dem Jesus hier spricht, ist ja keineswegs nur das, was wir zum Essen brauchen. Im weitesten Sinne umfasst es alles, was wir zum Leben brauchen: eine Wohnung, Kleidung, aber genauso auch Gesundheit, Bildung und Arbeit. Und das ist dann schon gar nicht mehr so selbstverständlich wie das tägliche Brot im wörtlichen Sinne.

In den letzten Wochen hat vielleicht so mancher von uns vor dem Einkaufen gebetet: „Lieber Gott, bitte lass mich irgendwo Klopapier bekommen!“ Denn da haben wir auf einmal fest-stellen müssen, dass vieles, was früher ganz selbstverständlich war, auf einmal gar nicht mehr selbstverständlich ist. Und so mancher hat da vielleicht auch ganz neu zu beten gelernt.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“: Eine äußerst brisante Bitte! Und ich frage mich des Öfteren, ob wir uns wirklich dessen bewusst sind, um was wir Gott hier bitten. Denn diese Bitte ist ja die einzige im Vaterunser, die mit einer Einschränkung verbunden ist. Nämlich: „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“.

Oha! Was bedeutet das eigentlich? Und vor allem: Was bedeutet es für uns, wenn wir den Menschen, die an uns schuldig geworden sind, nicht vergeben wollen oder können? - Ganz einfach: Dann bitten wir Gott in diesem Gebet letztlich darum, dass er uns auch nicht vergibt. Denn wenn er uns so vergeben soll, wie wir anderen vergeben, dann ist Gottes Vergebungs-bereitschaft zutiefst abhängig von unserer eigenen. Und das ist schon krass!

Und gerade deshalb, weil bei dieser Bitte die Gefahr, sich ihrer Tragweite nicht bewusst zu sein, am größten ist, greift Jesus direkt im Anschluss an das Vaterunser eben diesen Punkt noch mal auf und unterstreicht ihn. Und so sagt er am Ende unseres Textes: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch ver-geben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfeh-lungen auch nicht vergeben.“ Das sind Worte, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen - und die uns deshalb auch dringend zum Nachdenken bringen sollten. Und zwar vor allem über die Frage: Wen gibt es da eigentlich noch, dem ich vergeben müsste?

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“: Eine verständ-liche Bitte, die Jesus da ans Ende des Vaterunsers setzt! Denn Versuchungen sind wir überall ausgesetzt. Ganz besonders der Versuchung, gegen Gottes Gebote zu verstoßen. Und die Ge-fahr, dieser Versuchung zu erliegen, ist groß. Deshalb ist diese Bitte nur allzu berechtigt.

Zurzeit merken wir ja gerade so einiges von diesen Versuchungen. In den letzten Wochen hat es noch überall ganz gut geklappt mit der Einhaltung des Abstandsgebots. Aber so langsam wird die Versuchung doch immer größer, es nicht mehr so ernst zu nehmen und mehr und mehr dagegen zu verstoßen. Denn bei vielen ist die Geduld langsam erschöpft. Zwar durchaus verständlich, aber möglicherweise auch mit schlimmen Folgen! - Und daher ist das gerade auch jetzt ein ganz aktuelles Gebetsanliegen: „Führe uns nicht in Versuchung!“

„Sondern bewahre uns vor dem Bösen!“ Auch hochaktuell! Denn das Böseste, vor dem wir gerade jetzt bewahrt werden wollen, ist ja sicherlich das Corona-Virus. Und dass Gott uns und unsere Nächsten davor bewahren soll - und zugleich aber auch uns davor bewahren soll, andere unnötig zu gefährden, dafür können wir gar nicht oft genug beten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil dieses Gebet zugleich auch unser eigenes Verhalten ändern wird!

Und wenn uns das alles durch das Vaterunser klar wird, dann ist das Vaterunser mit Sicher-heit nicht nur ein Gebet zum Auswendig-Beten, sondern zugleich ein Gebet, das uns viele Anregungen gibt für die Formulierung unserer eigenen, ganz persönlichen Gebete. Amen.  

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

Einige weitere ausgewählte liturgische Elemente für den Gottesdienst am 17.05.2020:

 

Wochenspruch für den Sonntag Rogate (auf Deutsch: Betet!):

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ (Ps. 66,20)

 

Eingangspsalm für den Sonntag Rogate: Ps. 95, 1-7a (in Auswahl):

1 Kommt herzu, lasst uns dem Herrn frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! 2 Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen! 3 Denn der Herr ist ein großer Gott. 6 Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat. 7 Denn er ist unser Gott.

 

Schriftlesung aus 1. Tim. 2, 1-6a: 1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. 3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle.

 

Fürbittgebet:

Guter Gott, hab Dank, dass uns dein Sohn Jesus das Vaterunser gelehrt hat - und dass wir daraus auch viele Anregungen für unsere eigenen Gebete bekommen. Hilf uns dabei, dass wir es bewusst beten, vor allem wenn wir es ohne nachzudenken auswendig daher sprechen. Lass uns dabei bewusstwerden, was wir da eigentlich beten und um was wir dich damit bitten.

Hilf uns vor allem dabei, dass wir es auch so meinen, wie wir es sagen. Vor allem, wenn wir beten: „Dein Wille geschehe!“, dass wir dann auch selber bereit sind, nach deinem Willen zu leben. Oder wenn wir beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“, dass auch wir selber dann bereit dazu sind und die Kraft dafür haben, denen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind.

Erlöse uns von dem Bösen, Gott - und jetzt gerade ganz besonders von dem Corona-Virus. Hilf uns dabei, vorsichtig zu bleiben und uns und unsere Nächsten zu schützen. Gib allen die nötige Geduld, die wir jetzt brauchen, damit wir das, was wir in den letzten Wochen mühsam erreicht haben, nicht ruckzuck wieder zunichtemachen.  

Schenke bald Erfolge bei der Suche nach einem Impfstoff und wirksamen Medikamenten. Und schenke uns jetzt allen die nötige Kraft, die nötige Liebe und die nötige Besonnenheit.

…... (Fortsetzung mit einer Zeit zum persönlichen, stillen Gebet und dem Vaterunser) Amen.

Predigt und Gedanken von Dr. Klaus Schmidt Gottesdienst Sonntag 19. April 2020

Predigt für den 19.04.2020 von Dr. Klaus Schmidt (Beilstein) über Jes. 40, 26-31:

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei Jesaja im 40.Kapitel:

Jes. 40, 26-31. Ich lese nach der Übersetzung der Guten Nachricht:

Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Er lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.

Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: »Der HERR kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht«?  Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Der HERR ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft lässt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich. Er gibt den Müden Kraft, und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen. Aber alle, die auf den HERRN vertrauen, bekommen wieder neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden.

 

Den Stoßseufzer der Israeliten, den können wir gut nachvollziehen, wenn wir uns in unserer Welt umsehen. Geht es uns nicht auch oft so? Wir sehen die Ungerechtigkeit, die Gewalt in dieser Welt, wir sehen, wie alle Anstrengungen zum Frieden immer wieder scheitern, wir sehen, wie anscheinend nur die Macht wichtig ist, Recht und Gerechtigkeit sind dabei gleichgültig. Verstehen wir da nicht, dass die Menschen seufzen: »Der HERR kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht«? Dieser Pessimismus scheint uns doch als Reaktion auf die täglichen Nachrichten nur zu verständlich. Streit, Hass und Ungerechtigkeit sind seit Jesajas Zeiten nicht weniger geworden. Ganz aktuell fragen viele Menschen: „Wo ist Gott in dieser weltweiten Krise? Wie soll es mit uns weiter gehen, wenn durch die ständig steigende Zahl der Erkrankungen unsere ganze Gesellschaft lahmgelegt wird? Was machen wir, wenn vielleicht die Intensivbetten bei uns auch nicht mehr reichen, so wie es jetzt schon in etlichen Ländern geschieht? Was kommt auf uns zu, wenn unsere berufliche Existenz auf einmal bedroht ist und wir nicht mehr weiterwissen?“

Damals, als der Prophet zu den Israeliten sprach, war die Situation auch so, dass die Menschen keinen Grund zum Optimismus sahen und sich völlig von Gott verlassen fühlten. Sie lebten seit vielen Jahren in der babylonischen Gefangenschaft, nur die Ältesten konnten sich noch an das gelobte Land erinnern. Jerusalem war zerstört, der Tempel, das Haus Gottes lag in Trümmern und es gab auch keine Aussicht, dass sich das in absehbarer Zeit ändern sollte. Den Babyloniern war es recht so, sie hatten die Macht und wollten sie gewiss nicht freiwillig abgeben.

Dieses Kapitel bei Jesaja beginnt: Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.

Aber auch der Prophet muss sich seinen Ängsten und Zweifeln stellen: Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Doch dann erkennt er: Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Jesaja erinnert die Menschen an die Grenzen ihrer eigenen Macht und die Größenordnung der Schöpfung, in der wir alle leben: Seht doch nur in die Höhe. Seht nicht nur auf eure eigenen Füße und in euren kleinen Einflussbereich. Seht auch die ganze Schöpfung an:  Das unendliche Weltall über euren Köpfen mit mehr Sternen, als ihr in eurem Leben zählen könnt, das hat Gott geschaffen und es muss seinem Willen gehorchen. Seht euch die Erde an, mit all ihren Wundern, von denen ihr nur einen Bruchteil erkennen könnt und von dem ihr noch weniger begreift. Das alles ist Gottes Schöpfung. Macht die Augen einmal ganz weit auf. Dann seht ihr, wie Gott in allem wirkt; und er wird nicht müde, er lässt nicht nach in seiner Wirkung und in seiner Kraft, auch wenn die Menschen schon lange schlapp machen und wanken und umkippen.

„Alles Unsinn,“ werden mir da vielleicht viele Menschen antworten: „Das Weltall mit den Sternen ist aus einem Urknall entstanden, die Erde und das Leben darauf hat sich in der Folge nach den Naturgesetzen entwickelt - und das ganz unpersönlich und rein zufällig. Das können wir ganz ohne Gott prima erklären. Da kannst ausgerechnet du als Naturwissenschaftler doch nicht hierherkommen und uns weismachen wollen, dass das alles Gottes Schöpfung ist und dass er diese Schöpfung lenkt.“ Aber genau das will ich. Gott hat die Welt geschaffen, er kümmert sich um diese Schöpfung.

Über das Wie und den ganzen zeitlichen Ablauf, darüber ändern sich die Erklärungen mit dem zunehmenden menschlichen Wissen ständig. Was genau in der allerersten Zeit unseres Universums passiert ist und wie es genau so passiert ist, darüber spekulieren die Wissenschaftler und bauen immer kompliziertere Theorien auf. Mit immer genaueren Instrumenten und immer größerem Rechneraufwand können wir heute Echos aus dem ersten Bruchteil einer Sekunde unseres Weltalls auffangen, messen und auswerten. Nur was hilft uns das, wenn wir nach Gerechtigkeit rufen oder nach der Ursache von Glück oder Leid fragen?

Alle Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften hätten den Propheten Jesaja zu seiner Zeit auch nicht im Geringsten in seinen Aussagen beirrt. Er hätte uns vielleicht gesagt: „Die Geschichte mit den sieben Tagen und Adam und Eva und dem Paradies, die hat eine ganz andere Bedeutung. Das soll doch keine endgültige und unwiderlegbare wissenschaftliche Erklärung sein, genauso wenig, wie ihr, wenn ihr als Wissenschaftler ehrlich seid, behaupten könnt, die Welt endgültig verstanden und erklärt zu haben. Wie auch immer die Welt entstanden ist und täglich neu entsteht, in all diesen Strukturen und Vorgängen steckt Gott mit drin.“

Wenn wir dann aber sehen, wie die Menschen ihre eigene Macht für absolut halten, wie sie scheinbar ungehemmt und ungestraft Gewalt ausüben und ihren Egoismus ausleben, dann dürfen wir das nicht für Gottes Ohnmacht oder Desinteresse an dieser Welt halten. Auch das hatte der Prophet seinen Landsleuten damals schon klar und deutlich gesagt, und seine Aussage hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Er sagte ihnen: Selbst junge Leute verlieren irgendwann ihre Kraft und selbst die Stärksten erlahmen irgendwann. Wenn ihr euch nur auf euch selbst verlasst, dann kommt ihr bald an eure Grenzen. Aber alle, die auf Gott vertrauen, die erreichen Vieles, was niemand für möglich hält. Darum vertraut auf Gott, er gibt den Müden Kraft und macht die Schwachen stark. Er wirkt, und er schafft es auch, die Geschicke dieser Welt zu lenken.

Wenn wir sehen, was Menschen auf dieser Erde anrichten, dann fragen wir zuweilen: Wie kann Gott das zulassen? Kümmert er sich nicht um uns? Es ist, wenn wir ehrlich sind, leider so, dass die menschliche Bosheit nur zu beseitigen wäre, indem man die ganze Menschheit beseitigt. So ist es schon am Anfang der Bibel beschrieben, wie Gott es Noah nach der Sintflut zusagte: [1.Mose 8,21] Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Wenn wir nur auf uns und unser Können, Wissen und unsere Bemühungen angewiesen wären, dann hätten wir uns und unseren Planeten schon längst ruiniert, ganz ohne neue Sintflut. Versuche dazu gab es ja im Lauf der Geschichte genug. Gerade diejenigen, die so sehr auf sich und ihre unbegrenzte Macht vertrauen, erfahren es besonders deutlich. Aber auch ohne spektakuläre Radikalkur greift Gott immer wieder in das Weltgeschehen ein und lenkt und richtet es, ohne dass wir es sofort merken. Das war schon zu Jesajas Zeiten so: Wenige Jahre später war das scheinbar feste und dauerhafte babylonische Reich von den Persern weggefegt, und die Juden konnten nach Israel zurückkehren und Jerusalem und den Tempel wieder aufbauen. Unser deutsches tausendjähriges Reich hielt gerade einmal zwölf Jahre, dann war es an seinem eigenen Größenwahn krepiert. Wer vor vierzig Jahren in der glorreichen Sowjetunion davon geredet hätte, dass der ganze Ostblock keine zehn Jahre mehr hält, der wäre in eine geschlossene Anstalt eingeliefert worden. Wenn jemand vor 31 Jahren einem Herrn Honecker gesagt hätte, dass die Mauer und sein ganzer straff geführter Staat am Jahresende nicht mehr existieren, so hätte er nur Unglauben geerntet.

Auch wir können uns heute darauf verlassen: Unsere so starke, reiche und mächtige globalisierte kapitalistische Zivilisation kann schneller zusammenbrechen, als wir es uns in unseren schlimmsten Albträumen vorstellen. Wir sehen ja gerade, wie ein kleines Virus die Gesellschaft lahmlegt. Und wenn alle, die jetzt Verantwortung tragen, bis zur Erschöpfung und darüber hinaus arbeiten, sie werden nicht in der Lage sein, aus eigener Kraft die Krise zu besiegen. Sie werden Fehler machen, vielleicht Umwege gehen, vielleicht in Sackgassen geraten und wieder Rückschläge erleben.

Jesaja hat es ganz deutlich gesagt: Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen.  Aber er weiß auch: Gott gibt den Schwachen oft ungeahnte Kräfte. So macht es Hoffnung, wenn bei uns ein Minister sagt: Aus meiner christlichen Überzeugung kann ich es nicht verantworten, dass Menschenleben aus wirtschaftlichen Gründen gefährdet werden. Sehen wir uns im Vergleich die Erkrankungs- und Sterberaten in Ländern an, die andere Prioritäten setzten und die Bedrohung nicht ernst nahmen.

Allein Gott wird nicht müde und matt, und er gibt auch dem Schwächsten noch Kraft und Stärke, die über unsere Vorstellungskraft hinausgeht. Menschen, die sich gegen übermächtige Herrscher und Diktaturen gestellt haben und nicht nachließen, die haben das nicht aus eigener Kraft und Macht geschafft. Das kleine auserwählte Volk Gottes, das hat zweitausend Jahre Zerstreuung, Vertreibung und Verfolgung bestimmt nicht wegen seiner militärischen Stärke und seiner eigenen Kraft und Überlegenheit überstanden. Das kleine Häuflein von Jesusanhängern, von Fischern und Handwerkern, das hat nicht aus eigener Kraft eine weltumspannende Kirche aufgebaut und die gewalttätigen Verfolgungen des römischen Weltreiches überstanden. Die vielen verfolgten Kirchen und Gemeinden in unserer Welt haben es ganz sicher nicht ihrer eigenen kleinen Kraft zu verdanken, dass sie immer noch bestehen. An allen diesen Stellen in der Weltgeschichte hat das Vertrauen auf den Gott, der größer ist als unser Verstand und stärker als alle menschliche Macht und Gewalt, den Menschen die nötige Kraft gegeben.

Jesaja hat es in einem wunderschönen Bild zusammengefasst, das auch vor einigen Jahren die Jahreslosung war: Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden. Diese Zusage, die hat in alle den vielen Jahrhunderten nichts von ihrer Macht und ihrer Aktualität verloren. Gott ist nicht nur sonntags bei uns allen, er ist bei uns mitten in unserem Alltagsleben, jeden Tag, solange die Erde besteht und Menschen auf ihr leben. Denen, die sich auf ihn verlassen, die darauf vertrauen, dass Gott das Richtige tut und dass er auch aktiv eingreift, die können erleben, wie seine Kraft wirksam wird. Das geschieht oft nicht so spektakulär und alles erschütternd, wie wir es vielleicht erwarten, aber es geschieht immer wieder. Die Schwachen, von denen es niemand erwartet hätte, die werden mit Gottes Kraft mächtig und wirksam. Gottes Wirken im Alltag, das ist kein Mega-Event mit Laser-Show und 10.000 Watt Lautsprecheranlage. Er wird in den Schwachen und denen, die ohne Vorbehalte auf ihn hören, mächtig und gibt denen, von denen es niemand erwartet hätte, große Kraft und Ausdauer.

Für jeden von uns ist das, worauf wir hoffen, verschieden. Es mag die nötige Kraft für die Pflege von Menschen - egal ob in der Familie oder als Beruf in einem Heim oder einer Klinik - sein, Kraft, um weit über die gewöhnliche Arbeitszeit hinaus im Laden oder in der Logistik für den Lebensbedarf der Menschen zu sorgen. Es mag Geduld sein, wenn man von den Einschränkungen betroffen ist, und vielleicht menschliche Kontakte vermisst. Es mögen gute Ideen sein, um mit den plötzlichen beruflichen und wirtschaftlichen Herausforderungen fertig zu werden. Es mag auch die Erwartung sein, dass möglichst viele Menschen aus dieser Situation lernen und nicht weitermachen wie bisher. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt, aber alle haben Hoffnungen und leben aus Hoffnung.

Das sagt der Prophet den Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft und das ist bis heute immer noch wahr und betrifft unseren Alltag wie den Alltag der Menschen damals: Seht euch in der Welt um, dann seht ihr den Schöpfer, der in seiner Schöpfung immer wirkt. Verlasst euch nicht auf euch selbst und auf eure eigene Kraft und Ausdauer, das geht irgendwann schief. Vertraut auf den, der auch euch gemacht hat und euch liebt wie seine ganze Schöpfung, und ihr werdet sehen, dass dabei gewaltige Kräfte wirksam werden und ihr mehr und vor allem Besseres erreicht, als ihr jemals erwartet hättet. Tröstet, tröstet mein Volk, und bestärkt es in der Hoffnung, dass Gott bei uns ist und bleibt. Das war der Auftrag an Jesaja damals und das ist auch und gerade heute unser Auftrag.  Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

 

 

 

Wochenspruch für diese Woche: "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten." (1. Petrus 1, 3)

 

 

 

Der Wochenpsalm Ps. 116 (Nr. 746 in unserem Gesangbuch)

steht unter der Überschrift: Der Herr tut dir Gutes

 

Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;

denn der Herr tut dir Gutes.

Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,

mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.

Ich werde wandeln vor dem Herrn

im Lande der Lebendigen.

Wie soll ich dem Herrn vergelten

all seine Wohltat, die er an mir tut?

Ich will den Kelch des Heils nehmen

und des Herrn Namen anrufen.

Dir will ich Dank opfern

und des Herrn Namen anrufen.

Ich will meine Gelübde dem Herrn erfüllen

vor all seinem Volk

in den Vorhöfen am Hause des Herrn,

in dir, Jerusalem. Halleluja!

 

Schriftlesung aus Johannes 21, 1-14:

Der Auferstandene am See von Tiberias

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

 

Fürbittgebet:

Gott, unser Vater, mit Ostern hast du neues Leben in unsere Welt gebracht.

Schenke denen, die von diesem neuen Leben nichts spüren, das Licht deiner Ostersonne.

Unser Alltag lässt uns immer wieder verzweifeln. Wir sind konfrontiert mit Ängsten: um unsere Gesundheit und die Gesundheit unserer Lieben, um unsere Arbeit und um unsere Existenz, um unsere Kinder und ihre Zukunft.

Schenke denen, die Angst haben vor dem Leben oder vor dem Tod, dein Licht und deine Wahrheit.
Bleibe bei den Menschen, denen die Liebe abhanden kam. Mache ihnen Mut zu einem Neuanfang, der nicht verletzt, sondern neue Hoffnungen aufschließt.
Bleibe bei den Menschen, die nur noch die eigenen Interessen sehen. Öffne ihre Wahrnehmung.
Bleibe bei den Menschen, die am Leben verzweifeln. Wälze die Steine von ihrem Herzen und ihrer Seele.

Wir bitten dich für die Menschen, die kein neues Leben erkennen können, weil ihr persönliches Schicksal ihnen jede Perspektive verdunkelt.
Wir bitten dich für die Menschen, die mit ihrem Schicksal nicht fertig werden, die ihre Krankheit nicht ertragen können oder mit ihrer Sucht nicht fertig werden.
Wir bitten dich für die Menschen, bei denen Hunger und Gewalt herrschen, die nicht wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt.
Wir bitten dich für die Menschen, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist, oder deren schulische Laufbahn gefährdet ist.

Wir bitten dich für die Menschen, deren Familie zerbricht, deren menschliche Beziehungen in die Brüche gehen und die nur noch Schmerzen und Hilflosigkeit empfinden.
Wir bitten dich für die Menschen, die Angst haben um einen lieben Menschen, der krank ist oder weit weg.

… (Fortsetzung mit einer Zeit zum persönlichen, stillen Gebet und dem Vaterunser) Amen.

Predigt und Gedanken Ostermontag Johannes Knoll 13. April 2020

Predigt 28  zum Lied 103 – Ostern – Gelobt sei Gott im höchsten Thron               (Johannes Knoll)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.  

Heute haben wir Ostern. Ein wirklicher Grund zur Freude. Da wir in Ermangelung von Veranstaltungen uns leider nicht treffen können habe ich eine Predigt aus dem Jahr 2016 ausgegraben, in der der Corona-Virus mit keinem einzigen Wort erwähnt wird. Das ist ja in diesen Tagen eher selten. Einige Gedanken zu einem alten Osterlied. 103 im Gesangbuch. Immerhin haben wir auch schon schwierige Zeiten mit Seuchen hinter uns gebracht. Die Pest grassierte allenthalben und hat damals – im Mittelalter etliche Menschen dahingerafft. Paul Gerhardt z.B. war auch davon betroffen, wenn er auch selber verschont geblieben ist. Und auch der dreißigjährige Krieg hat den Menschen der damaligen Zeit heftig zugesetzt. –gerade in der Zeit etwa 100 Jahre davor war die Welt im Umbruch. Luther hatte mit seinen Thesen die Welt auf den Kopf gestellt.            

Immerhin hat die Reformation gewaltige Auswirkungen gehabt. Die ältesten Lieder  in unserem Gesangbuch stammen aus dieser Zeit und kamen, was hinterher gern verschwiegen wurde melodietechnisch aus dem weltlichen Bereich, weil man mit zeitgemäßer Musik die Menschen erreichen wollte. Nun ist die zeitgemäße Musik von damals natürlich heute auch überholt und selbst Lieder, die man vor 30/40 Jahren noch gesungen hat sind heute längst unmodern geworden und können uns nur noch ein schmunzeln abringen. Auch damals waren sicher viele nicht damit einverstanden, dass geistliche Texte auf weltliche Melodien gemacht wurden, obwohl man damit vielleicht sogar den einen oder anderen erreichen könnte.. Stellen wir uns mal vor einer würde zu „Highway to hell“ einen tiefsinnigen Text schreiben – die ganze fromme Welt würde aus den Fugen geraten. Heute, wie auch vor 250 oder 500 Jahren sind es die besonders guten Stücke die bleiben,  die Tiefgang haben, die zu Herzen gehen und eben für einen längeren Zeitraum Bestand haben. Das will in unserer schnelllebigen Zeit schon etwas heißen.

Heute nehmen wir uns mal wieder ein altes Lied vor. 103 im Gesangbuch. Bei dem Dichter handelt es sich  um den Franziskanermönch Michael Weisse, der sich 1518 den Böhmischen Brüdern angeschlossen hatte. Wir sehen, dass Luther nicht der einzige war der festgestellt hat, dass es in der damaligen katholischen Kirche nicht mehr so läuft wie die Bibel es sagt. Entsprechend gab es außer dem Protestantismus auch noch weitere Strömungen und Abspaltungen, von denen die böhmischen Brüder sicher eine der ältesten ist. Er war dann auch Pfarrer, der damaligen deutschen Gemeinde in Landskron in Böhmen und Fulnek in Mähren. Das liegt, wie die meisten wohl wissen dürften auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Geschichtsunterricht machen wir heute keinen. Tatsache ist jedoch, dass Michael Weisse 1531 das erste deutsche Gesangbuch der böhmischen Brüder herausgab mit 157 Liedern. Wie ich schon sagte enthielt es neben vielen eigenen Dichtungen Übertragungen aus dem tschechischen, dem  lateinischen – mittelalterliche Hymnen und Wechselgesänge sowie geistliche Volkslieder. Das war ja ein wichtiges Anliegen der damaligen Zeit, dass man den einfachen Leuten, die oft Analphabeten waren die schweren geistlichen Texte in fremden Sprachen zugängliche machte und das funktioniert natürlich besser wenn man bekannte Melodien dafür verwendet.

Heute - und damit kommen wir zum Lied haben wir die Passionszeit hinter uns gelasssen. 7 Wochen, in denen wir besonders an die Leiden des Herrn denken – um dann die Osterzeit zu beginnen. Die Auferstehung unseres Herrn, der wie die meisten Dinge, die wir hier tun im Zentrum des Geschehens ist. Ein allgemeines großes Lob erfüllt nun die erste Strophe. Ein Lob – ein Halleluja, was ja auch „lobet Gott“ bedeutet – an den dreieinigen Gott. Hier wohl besonders an den Vater, denn der Sohn wird uns ja noch in einem Nachsatz genannt, weil er genug für uns getan hat. So ein Lob wie es hier genannt wird ist ja schon was anderes wie das Lob was wir so kennen im Sinne von „ das hast aber gut gemacht.“  Es ist auch rechtens hier nur den Vater besonders zu loben, denn er hat sich die Sache ja ausgedacht und hat seinen Sohn geopfert, hat ihn auf die Erde geschickt um ihn von den Menschen zunächst auf das übelste schikanieren und dann noch kreuzigen zu lassen. Dieses Lob ist schon ein Stück weit das, was wir unter Anbetung verstehen und dass ist ja auch das was wir ihm bringen sollen und wollen. Worship sagt man heute in der jungen Gemeinde.

Da gibt es in manchen Gemeinden zu diesem Zweck extra Worshipgruppen, die mit der Gemeinde Anbetungslieder singen noch vor dem eigentlichen Gottesdienst – das ist doch eine feine Sache. Nicht nur weil wir uns dann besser fühlen, sondern weil Gott das Lob und die Anbetung gebracht wird die ihm zusteht unabhängig vom Alter der Texte was sonst in den regelmäßigen allgemeinen Gottesdiensten zu kurz kommt. Gerade die Psalmen sind ja voll davon und die sind ja noch viel älter als das Neue Testament. Und während die Alten Gott noch lobten für seine Gegenwart und seine Treue, die er ja dem Volk Israel geschworen hat und für alles Mögliche andere ist unser Lob meistens damit verbunden, dass der Vater seinen Sohn Jesus Christus auf die Erde gesandt hat um das zu ermöglichen, was vorher nicht möglich war. Sündenvergebung ohne selber Opfer zu bringen mit allen daraus folgenden Vorteilen für uns. Wir lesen, dass der Vorhang des Tempels zerriss. Das war ja ein dickes Ding dieser Vorhang. Im Alten Testament lesen wir explizit wieder hergestellt war. Der riss nicht so mir nichts dir nichts entzwei – und – er war der Vorhang der dem normalen Menschen den Zugang zum Allerheiligsten verwehrte. Der wurde nun nicht mehr gebraucht, weil jedermann nun die Möglichkeit hatte vor Gott zu treten und nicht mehr ein Priester dies stellvertretend für ihn tun musste. Wir können direkt mit Gott kommunizieren und auch „in Jesu Namen“ wie er selbst oft sagt ihm Dinge vortragen und darauf liegt eine besondere Verheißung. Gelobt sei Gott im höchsten Thron.

Und dann – wenn das Halleluja noch durch den Raum schallt, beginnt der Dichter von der Auferstehung zu erzählen. Am dritten Tag – sozusagen Sonntag morgens, wenn wir den Freitag schon als ersten Tag rechnen. Als der Stein noch am Grabe lag ist er auferstanden. Kurzer Satz – alles klar. Kein Jammern und kein Klagen – weder über die schlechte Behandlung bei der Festnahme oder wegen der Kälte im Grab – Auferstanden!!   Er – Jesus – wusste ja, dass er diesen Weg gehen musste. Auch wenn die Jünger es bis zum Schluss nicht  wirklich begriffen haben. Die hatten ja Angst- haben sich versteckt – haben ja gedacht, dass die die Jesus nachfolgen auch dran sind und am Ende auch getötet werden. Das war schon eine heikle Gefühlslage, in der sich die Jünger da befanden. Und dann kamen auch noch die Frauen – das muss man sich mal vorstellen – ausgerechnet DIE und erzählen, dass Jesus auferstanden ist. Die Männer in ihrer männlichen Überheblichkeit dachten sicher jetzt sind die Weiber vollkommen durchgedreht. Das konnten sie sich beim besten Willen nicht vorstellen und doch erzählten sie nur, was sie wirklich gesehen hatten. Und bei Jesus hatten die Frauen immer schon einen besonderen Stand. Sie waren dann auch die ersten, die zum Grab gehen wollten um ihn besonders zu Salben und brachten ihre Utensilien dafür gleich mit Salben und Tinkturen, was „man“ halt so braucht. Und unterwegs machten sie sich logischerweise Gedanken darüber wie sie wohl den Stein auf Seite schieben könnten, denn der war ja schwer und als sie dann so immer näher kamen sahen sie dass der gar nicht mehr da lag. Was werden sie wohl gedacht haben? Vermutlich kamen sie dann kreidebleich des Weges sodass der Engel – das stelle man sich auch vor – die saßen ja auch damals nicht einfach so überall rum -  ihnen sagen musste: Fürchtet euch nicht! – Strophe 3:  Ich weiß wohl warum ihr euch so erschreckt. Damit habt ihr nicht gerechnet – wie auch? Aber ich  bin ja da um euch nicht im ungewissen zu lassen. Jesus ist auferstanden. – Wie jetzt? – auferstanden? – so mögen sie gefragt haben. „Kommt seht wo er gelegen hat“ So schreibt der Dichter anschließend und sie konnten sich überzeugen, dass er nicht mehr dort war. Vielleiht haben sie auch gedacht sie hätten sich im Grab geirrt oder irgendwer hätte den Leichnam gestohlen wie es auch versucht wurde zu verbreiten. Das lesen wir im Matthäus-Evangelium.  Direkt vor dem Missionsbefehl, dass die Wachleute Geld dafür bekommen haben zu verbreiten dass die Jünger den Leichnam Jesu gestohlen hätten. Was dann geschieht ist ebenfalls Geschichte. Die Jünger erhalten den Missionsbefehl. Davon ist hier im Lied erst mal nicht die Rede, aber das Wort Gottes verbreitet sich über die Welt. Allerdings gibt es auch viele die den anderen Geschichten Glauben schenken und auch in der damaligen Zeit schon, gab es Gruppierungen, die partout nicht an die Auferstehung glauben wollten, wie zum Beispiel die Sadduzäer. Darauf weist dann auch der Apostel Paulus hin als der der Gemeinde von Korinth erklärt, was es so mit der Auferstehung auf sich hat. Denn ohne die Auferstehung wäre unser Glaube nichtig unsere gesamte Religion –das Christentum - nichts wert und unsere ganze Botschaft vergeblich und unsere schöne Schlosskirche könnten wir eigentlich abreißen.

Es geht aber weiter – in der Weltgeschichte, in unsrem Leben und auch im Lied. Denn nun wird Jesus direkt angesprochen. Wenn wir in den ersten vier Strophen des Lobes voll sind für die Taten Gottes ist es ja wichtig darauf zu schauen wie es mit uns weiter geht. Weil du vom Tod erstanden bist –so schreibt der Dichter. Etwas ist anders. Alles ist eigentlich anders. Wir können Jesus direkt ansprechen. Er hat den Weg zu Gott frei gemacht. Er verleiht uns was gut für uns ist, was entscheidend dafür ist dass wir vor Gott treten können. Das wir unsere Sünden bei ihm abladen können. Das ist nicht an irgendwelche Bedingungen geknüpft. Aber unser Herz muss dazu  bereit sein. Wenn man sich heute so umschaut sind viele Herzen hart geworden. Das wird damals auch schon so gewesen sein. Fehlendes Mitgefühl und wenig Demut. Wenig Einsicht. Rechthaberei und jeder möchte sein Leben in die Hand nehmen. Jeder ist seines Glückes Schmied und so weiter, was wir da so alles hören. In der letzten Strophe lesen wir die Bitte: Mach unser Herz bereit, damit von Sünden wir befreit. Das ist zwar auch ziemlich altmodisch, trifft aber den Nagel auf den Kopf. „Ich bin klein mein Herz ist rein soll niemand drin wohnen außer Jesus allein“ – so hat man früher schon den kleinen Kindern die hier geschilderte Sachlage einfach erklärt. Ist klar. Jesus wohnt in unserem Herzen – bildlich gesprochen, wenn wir es denn wollen, wenn wir es zulassen. Wenn aber unser Herz voll ist mit allem möglichen anderen Scheiß,  müssen wir uns nicht wundern wenn für Jesus dort kein Platz mehr ist. Da wo die Sünde vorherrscht kann eben Jesus nicht wohnen. Das ist das, was uns diese Aussagen erklären wollen und warum es so wichtig ist die Sünde los zu werden und sie nicht mit uns rum zu schleppen und damit zu argumentieren, weil alle das tun wäre das vielleicht ok oder zumindest weniger schlimm. Wir können sie ja loswerden und sind dann frei. Das ist doch eine Freiheit, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Und im Genuss dieser Freiheit können wir dann Gott das Lob und die Anbetung bringen die ihm zustehen. Das ist doch eine tolle Sache Unverkrampft durch die Welt zu gehen mit Jesus im Schlepptau, der uns nicht be – sondern entlastet. Und ewiges Leben inklusive . Wenn das kein Grund zur Freude ist.

Und der Friede Gottes der allen Verstand übersteigt bewahre unsere Herzen in Christus Jesus unserem Herrn.

Predigt und Gedanken Ostersonntag 12. April 2020

Predigt am 12.04.2020 (Ostersonntag) für Beilstein und Rodenroth (Text: 1. Kor. 15, 19-28):

  

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Ostersonntag steht im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 19-28. Und dort schreibt der Apostel Paulus folgendes:  

 

19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Ps. 110,1). 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Ps. 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem. 

 

Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören - bzw. Lesen!

Schenke uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz! Amen.  

 

Liebe Gemeinde!

Wir feiern Ostern. Aber es ist kein Ostern wie sonst. Diesmal ist irgendwie alles anders. Es ist ein Osterfest, wie wir wohl alle noch keins erlebt haben. Nicht mal diejenigen, die als Kind noch den Krieg miterlebt haben.

Keine Ostergottesdienste in diesem Jahr! Zumindest keine, die wir persönlich und leibhaftig besuchen können. Keine groß angelegten Verwandtenbesuche, keine Osterausflüge - außer vielleicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad von zuhause aus - und erst recht kein Osterurlaub!

Stattdessen sitzen wir zuhause, entweder mit der Familie oder zu zweit oder vielleicht sogar ganz allein, und sind schon froh, wenn wir zumindest noch ein bisschen vor die Tür gehen können und nicht die ganze Zeit nur vor dem Fernseher oder Laptop oder mit einem Buch oder einer Zeitschrift in der Hand verbringen müssen. Aber trotz allem sind wir wahrschein-lich auch froh, wenn wir noch gesund und nicht vom Corona-Virus infiziert sind.

Auf jeden Fall nimmt der „Lagerkoller“ wahrscheinlich bei uns allen immer mehr zu und die Sehnsucht nach Veränderung, nach „normalen Verhältnissen“ und nach der großen weiten Welt, die uns dann endlich wieder offensteht, wächst von Tag zu Tag. Und vor allem natür-lich auch die Sehnsucht danach, dass die Pandemie eingedämmt wird, wirksame Impfstoffe und Heilmittel gefunden werden und die tödliche Gefahr endlich vorbei ist.

Und in diese - für uns alle ziemlich schlimme - Situation hinein erreicht uns nun heute die Osterbotschaft, die uns zuruft: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“

Für manche mag das vielleicht in der aktuellen Situation nicht mehr als eine billige Vertröstung sein, aber für viele hoffentlich auch ein wirklicher und echter Trost!

„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“ So schreibt der Apostel Paulus im ersten Vers unseres heutigen Predigttextes.

Und damit sind wir eigentlich schon mitten drin im Thema und bei dem, was uns in der aktuellen Corona-Krise so alles bewegt und beschäftigt und was vielen ja auch regelrecht Angst macht. Bei den einen, vor allem bei jüngeren Menschen, sind es wahrscheinlich mehr wirtschaftliche Ängste und somit Ängste um das „finanzielle Überleben“; aber bei vielen - vor allem bei älteren Menschen und bei Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen - sind es auch ganz leibhaftige Ängste, also Todesängste, weil eine Ansteckung mit dem Corona-Virus für sie sogar tödlich sein könnte.

Um eben diese Menschen zu schützen, haben unsere Politiker ja zum Glück - und aus ethischer Sicht auch völlig zu Recht - eine Unzahl von Vorsichtsmaßnahmen getroffen, auch wenn dadurch das öffentliche Leben mittlerweile fast völlig zum Erliegen gekommen ist und wir in wirtschaftlicher Hinsicht auf eine Rezession zusteuern. Aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es trotz allem nicht. Und in der Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren, steht - trotz bestmöglicher Sicherheitsvorkehrungen - im Endeffekt eigentlich jeder von uns.

Die Angst vor dem Tod ist also mittlerweile wieder sehr real geworden und sie bestimmt unser Leben zurzeit weit mehr als früher. Dass wir im Prinzip ja alle sterblich sind und jeder von uns irgendwann mal sterben muss, das wissen wir - zumindest theoretisch - zwar eigent-lich alle. Aber in der Praxis verstehen wir es doch alle ziemlich meisterhaft, das Thema Tod so gut wie möglich zu verdrängen, zu tabuisieren und auszublenden.

Zumindest ist das bis vor etwa einem Monat so gewesen. Mittlerweile allerdings nicht mehr! Jetzt betrifft uns das Thema fast alle, und zwar nicht nur, wenn wir ohnehin schon schwer krank sind, in Kriegsgebieten wie in Syrien wohnen oder als Flüchtlinge mit einem alles andere als seetüchtigen Boot auf dem Mittelmeer von Afrika nach Europa unterwegs sind.

„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“ So schreibt Paulus. Und damit bringt er uns eine Hoffnung nahe, die gerade jetzt so aktuell ist wie schon lange nicht mehr - und bei uns hier in Deutschland sogar schon so lang wie seit 75 Jahren nicht mehr.

Jesus ist auferstanden! So wird uns heute an Ostern zugerufen. Okay, das glaubt natürlich nicht jeder. Und wer diesen Glauben - aus welchen Gründen auch immer - nicht teilen kann, der kann mit dem heutigen Feiertag ohnehin nichts anfangen. Aber es gibt auch Menschen, sowohl bei uns heute als auch vor 2.000 Jahren in der griechischen Hafenstadt Korinth, die glauben das sehr wohl, dass Jesus nach seinem Tod am Kreuz tatsächlich wieder von den Toten auferstanden ist. Aber für sie persönlich, im Hinblick auf ihren eigenen Tod und ihre eventuelle eigene Auferstehungshoffnung, hatte und hat das keine Konsequenzen.

Und gegen diese - gerade auch damals in Korinth weit verbreitete - Meinung bezieht Paulus hier ganz klar Stellung, wenn er im 1. Korintherbrief schreibt: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“

Denn gerade das ist ja die Botschaft von Ostern, dass nicht nur einmalig Jesus Christus vor 2.000 Jahren wieder von Gott aus dem Tod auferweckt wurde, sondern dass eben dadurch für alle Menschen der Tod nicht mehr das endgültige Ende ist. Jesus ist „als Erstling unter denen, die entschlafen sind“, wieder von Gott auferweckt worden, schreibt Paulus. Und dann weiter: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“

Und wenn „alle“ wieder lebendig gemacht werden, dann haben wir folglich seit Ostern auch alle diese Hoffnung. Dann dürfen wir alle darauf hoffen, dass der Tod nicht das Ende ist, auch wenn unsere Auferstehung natürlich eine ganz andere sein wird als damals bei Jesus. Denn er kam ja zunächst einmal - von Ostern bis Himmelfahrt - noch für 40 Tage zurück auf die Erde, bevor er dann endgültig zu seinem Vater in den „Himmel“ zurückgekehrt ist. Und diese 40-tägige „Zwischenstation“ war und bleibt natürlich etwas Einmaliges, so dass dieser „Umweg“ Jesu für unsere eigene Auferstehung natürlich keine Option mehr ist.  

Auf jeden Fall aber, so sagt Paulus hier ganz klar, wird Jesus irgendwann - und wann genau das sein wird, weiß definitiv niemand - wiederkommen, so wie wir es regelmäßig in unserem Glaubensbekenntnis bekennen. Und dann werden zunächst diejenigen auferstehen, „die Christus angehören“ (V. 23), bevor dann „das Ende“ (V. 24) kommt, wo er richten wird die Lebenden und die Toten, wie es im Glaubensbekenntnis heißt.

Und dass wir vor diesem „Ende“ als Christen keine Angst haben müssen, dafür hat Jesus ja bereits zwei Tage, bevor er als „Erstling“ auferstanden ist, gesorgt, als er nämlich am Kar-freitag für uns und unsere Schuld, die uns von Gott trennt, am Kreuz gestorben ist.  

Und wer sich durch dieses Karfreitagsgeschehen und seinen diesbezüglichen Glauben an Jesus mit Gott hat versöhnen lassen, der - so gibt uns das ganze Neue Testament einhellig zu verstehen - darf Jesu Wiederkunft oder auch seinem eigenen Tod - je nachdem, was zuerst eintreten wird - letztlich ganz getrost und ohne Angst entgegensehen, weil er dann nämlich weiß, dass das eben nicht das endgültige Ende sein wird, sondern dass Gott ihn dann - ebenso wie seinen Sohn Jesus an Ostern - wieder auferwecken wird: auferwecken zu einem neuen und ewigen Leben in Gottes himmlischer Herrlichkeit.

Und mit dieser Gewissheit im Hinterkopf - oder besser gesagt: im Herzen - ist es für uns als Christen doch wesentlich leichter, auch mit dem Wissen um unsere Sterblichkeit recht umzu-gehen und trotzdem an jedem Tag getrost und zuversichtlich nach vorne zu schauen, auch und gerade in schweren und bedrohlichen Zeiten, wie wir sie jetzt gerade erleben.

Allerdings: Vor einer Gefahr sollten wir uns dabei unbedingt hüten, wenn wir auch „in diesem Leben“ auf Christus hoffen: nämlich vor der Gefahr, das Ganze, was wir gerade erleben, nicht wirklich ernst zu nehmen und zu denken: ‚Okay, wenn der Tod ohnehin nicht das Ende ist und Gott uns wieder auferwecken wird, dann brauchen wir uns ja auch nicht so penibel vor dem Corona-Virus zu schützen, sondern können getrost genauso weiterleben wie vorher.‘

Denn wer so denken würde, der hätte nicht wirklich verstanden, dass wir durch eine Infi-zierung mit dem Virus nicht nur uns selber gefährden, sondern auch andere. Und das wäre mit dem Gebot der Nächstenliebe mit Sicherheit nicht vereinbar!  

Wenn wir um die Auferstehung Jesu wissen, dann wissen wir den Auferstandenen nicht nur im Sterben, sondern auch mitten im Leben mit all seinen Herausforderungen an unserer Seite - samt dem Heiligen Geist, den uns Gott an Pfingsten gesandt hat. Und so hilft er uns auch hier und heute schon dabei, das zu tun, was anderen hilft und im Sinne Gottes ist.

Und das heißt im Moment in erster Linie: den nötigen Abstand zu anderen zu halten und niemanden unnötig zu gefährden! Und zugleich: zu überlegen, welche anderen Möglichkeiten es zurzeit gibt, anderen zu helfen, auch ohne sie gleichzeitig zu gefährden! Und da gibt es - angefangen vom Gebet über einfühlsame Anrufe bis hin zur Hilfe beim Einkaufen oder sonstigen aushäusigen Erledigungen - jede Menge Möglichkeiten der Unterstützung.  

Und selbst, wenn wir wüssten, dass morgen die Welt unterginge, gäbe es auch heute noch - um ein bekanntes Zitat aufzugreifen, dessen Herkunft wir leider nicht kennen - genügend Gründe, ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn Jesus lebt! Und in der Kraft seiner Aufer-stehung sollen auch wir leben, vollmächtig wirken und anderen Gutes tun. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Einige weitere ausgewählte liturgische Elemente für den Gottesdienst am 12.04.2020:

 

Wochenspruch für die Osterwoche:

„Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Off. 1,18)

 

Eingangspsalm für den Ostersonntag: Ps. 118, 14-24:

14 Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil.

15 Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten:

Die Rechte des Herrn behält den Sieg!

16 Die Rechte des Herrn ist erhöht; die Rechte des Herrn behält den Sieg!

17 Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.

18 Der Herr züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.

19 Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,

dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.

20 Das ist das Tor des Herrn; die Gerechten werden dort einziehen.

21 Ich danke dir, dass du mich erhört hast und hast mir geholfen.

22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.

23 Das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen.

24 Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

 

Schriftlesung aus Mk. 16, 1-8:

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Fürbittgebet:

Allmächtiger Gott. Heute an Ostern feiern wir die Auferstehung Jesu - und damit den Sieg des Lebens über den Tod. Hab Dank, dass der Tod dank Ostern nicht das letzte Wort hat und dass auch wir glauben und wissen dürfen, dass mit unserem Tod nicht alles aus und vorbei sein wird, sondern dass du dann auch für uns ein neues und ewiges Leben bereithältst.

In diesem Wissen hilf uns, in der Kraft deiner Auferstehung zu leben, ohne Angst vor dem Tod, aber zugleich auch voller Kraft und Liebe, um für andere Menschen jederzeit da sein zu können, so wie du auch immer für uns da bist.

Nimm uns - und ganz besonders allen Alten und Kranken - die Angst vor dem Tod, auch und gerade jetzt in dieser gefährlichen Zeit. Aber bewahre uns zugleich auch davor, uns selbst oder andere unnötig in Gefahr zu bringen. Hilf uns dabei, die nötigen Abstandsregeln konsequent einzuhalten, auch wenn es uns manchmal wirklich extrem schwerfällt, ganz besonders jetzt über die Osterfeiertage, die wir doch eigentlich so gerne zusammen mit der ganzen Familie gefeiert hätten.

Und wenn wir das Gefühl haben, dass uns so langsam die Decke auf den Kopf fällt und der Lagerkoller sich ausbreitet, dann lass uns immer wieder neu merken und spüren, dass du bei uns bist und uns die nötige Kraft, Geduld und Weisheit schenkst, die wir jetzt brauchen.

Für alle diejenigen, die schon mit dem Corona-Virus infiziert sind, bitten wir dich: Lass sie bestmöglich mit ihrer Krankheit umgehen, schenke ihnen deinen Beistand, deinen Trost und deine Kraft und lass sie bald wieder gesund werden.

Und denen, die gesundheitlich schon so sehr geschwächt sind, dass sie keine Heilungschance mehr haben, sei besonders nah. Nimm ihnen die Angst vor dem Tod und lass sie glauben und hoffen können, dass jenseits des Todes ein neues und ewiges Leben auf uns wartet und dass du uns als die Deinen auch und gerade im Sterben und im Tod nicht allein lässt, sondern in deinem ewigen Friedensreich schon mit offenen Armen auf uns wartest.

Wir bitten dich für alle Frauen und Männer, die in medizinischen Berufen arbeiten: Gib ihnen viel Kraft und Weisheit, um möglichst vielen Menschen das Leben zu retten, und bewahre sie auch selber davor, sich anzustecken. Hilf allen Politikern, kluge und richtige Entscheidungen zu treffen, und schenke dem fieberhaften Bemühen der vielen Wissenschaftler, die nach einem wirksamen Mittel gegen das Corona-Virus suchen, baldigen Erfolg.

Hilf uns allen dabei, aus der gegenwärtigen Situation das Beste zu machen. Zeige uns neue Wege, wie wir füreinander da sein können. Lass uns die Zeit nutzen für das, was wir jetzt tun können und was sonst oft zu kurz kommt. Und lass uns vor allem auch dir als unserem Gott wieder näherkommen und öffne uns ganz neu für deine Nähe und deine unendliche Liebe.  

… (Fortsetzung mit einer Zeit zum persönlichen, stillen Gebet und dem Vaterunser) Amen.

Predigt und Gedanken Karfreitag 10. April 2020

Predigt am 10.04.2020 (Karfreitag) für Beilstein und Rodenroth (Text: 2. Kor. 5, 17-21):

  

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Karfreitag steht im 2. Korintherbrief, Kapitel 5, die Verse 17-21. Und dort schreibt der Apostel Paulus folgendes:

 

17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören - bzw. Lesen!

Schenke uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz! Amen.  

 

Liebe Gemeinde!

Wenn wir an Karfreitag denken, dann haben wir in der Regel das vor Augen, was sich damals an Jesu Todestag abgespielt hat: Angefangen mit Jesu Verhör vor Pilatus, der eigentlich keine Schuld an ihm findet und ihn gerne freilassen würde, dann aber auf Drängen des Volkes doch Barabbas statt Jesus freilässt. Anschließend Jesu Geißelung und Verspottung durch die römischen Soldaten, die ihm eine Dornenkrone aufsetzen. Und schließlich sein Gang nach Golgatha, auf dem er selbst sein Kreuz tragen muss, seine Kreuzigung zwischen zwei Schwerstverbrechern, die Verteilung bzw. Verlosung seiner Kleider, seine letzten Worte und schließlich sein qualvoller Tod am Kreuz.

Was aber war letztlich der tiefere Sinn von Jesu Tod? Warum ist er wirklich gestorben? Nur weil irgendwelche jüdischen Hohepriester ihn für einen Gotteslästerer hielten, weil er Vater zu Gott sagte und sich als Gottes Sohn bezeichnet hat? Und weil ein gewisser Pontius Pilatus lieber seine Ruhe vor der aufgehetzten Volksmenge haben wollte, statt sich um ein gerechtes Urteil zu bemühen? Oder liegt der ursprüngliche Grund nicht vielleicht doch tiefer? 

In den Evangelien werden Antworten auf diese Frage eigentlich nur recht verhalten angedeutet. Ganz anders ist das in den neutestamentlichen Briefen, die Jesu Tod ausführlich theologisch reflektieren und deuten.

Warum musste Jesus sterben? Ein Text, der auf diese Frage eine sehr deutliche und pointierte Antwort gibt, ist zum Beispiel unser heutiger Predigttext, der deshalb auch ganz bewusst und mit gutem Grund als Textgrundlage für den Karfreitag ausgewählt wurde.

„Denn Gott war in Christus“, so schreibt Paulus dort in Vers 19, „und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ Oder wie es in einer neueren Übersetzung heißt: „Denn Gott hat durch Christus Frieden mit der Welt geschlossen, indem er den Menschen ihre Sünden nicht länger anrechnet, sondern sie vergibt. Gott hat uns dazu bestimmt, diese Botschaft von der Versöhnung öffentlich bekannt zu geben.“

Zwei ganz zentrale Begriffe stehen hier also im Mittelpunkt dessen, was Paulus damals den Korinthern - und zugleich uns heute - klar machen will. Nämlich zum einen der Begriff Sünde und zum anderen der Begriff Versöhnung.

Sünde: Ein Wort wie aus einer anderen Welt - oder zumindest aus einer anderen Zeit. Für scheinbar aufgeklärte Menschen heute fast schon ein Fremdwort! Von Sünde zu sprechen, das schickt sich heutzutage offenbar nicht mehr. In einer Zeit, wo fast alles erlaubt ist, gilt der Begriff Sünde als antiquiert und überholt. Im Sprachgebrauch der Gegenwart kommt er folglich auch so gut wie gar nicht mehr vor. Da sprechen wir höchstens noch von Verkehrssündern, wenn jemand mit dem Auto zu schnell fährt, vor dem Losfahren zu viel Alkohol getrunken hat oder im Parkverbot geparkt hat. Oder wir sprechen - eher scherzhaft - davon, dass wir gesündigt haben, wenn wir wieder mal zu viele Süßigkeiten genascht haben. Aber ansonsten ist das Wort Sünde aus unserem aktuellen Sprachgebrauch so gut wie verschwunden. Und genau das ist letztlich eines der ganz großen Probleme, vor denen wir in unseren Kirchen und Gemeinden heute stehen. 

Sünde: Was ist das eigentlich? Beginnt das erst da, wo ich eine Bank überfalle oder jemanden umbringe? Oder da, wo ich mit dem Zug ohne gültiges Ticket schwarzfahre oder meine Steuererklärung nicht richtig ausfülle? Oder bereits da, wo ich mich über andere Menschen lustig mache und hinter ihrem Rücken schlecht über sie rede? Oder vielleicht auch sogar schon da, wo ich anderen Menschen eigentlich helfen könnte, es dann aber aus Bequemlich-keit oder aus Angst doch nicht tue? Oder sind all diese konkreten Sünden letztlich vielleicht nur die Folge eines viel tiefergehenden Beziehungskonflikts?

Wenn wir das Neue Testament mit seinen Aussagen zum Thema Sünde ernstnehmen, dann müssen wir wohl sagen: letzteres! Die eigentliche Sünde im Sinne des Neuen Testaments ist nämlich nicht diese oder jene konkrete Verfehlung. Denn diese Verfehlungen sind nichts anderes als ganz natürliche Folgen unserer eigentlichen Sünde. Und die besteht letztlich darin, dass wir uns selbst - so wie Adam und Eva im Paradies - an die Stelle Gottes setzen wollen und so sein wollen wie er. Dass wir meinen, Gott und die Beziehung zu ihm - außer vielleicht in Notfällen, wo wir allein nicht weiter wissen - nicht zu brauchen und stattdessen auch ganz gut allein und ohne ihn auskommen zu können. Unsere eigentliche Sünde ist also genau genommen nichts anderes als unsere Loslösung und Trennung von Gott.

Das deutsche Wort Sünde stammt wahrscheinlich von dem Begriff Sund. Und ich vermute mal, die meisten von uns kennen zum Beispiel den Fehmarn-Sund, der das schleswig-holsteinische Festland von der Ostsee-Insel Fehmarn trennt. Und so, wie hier das Wort Sund die Trennung einer Insel vom Festland zum Ausdruck bringt, so bringt das Wort Sünde die Trennung eines Menschen von seinem Schöpfer zum Ausdruck.

Gott hat uns bekanntlich geschaffen zu seinem Bilde, also zu seinem direkten Gegenüber, mit dem er Gemeinschaft haben will. Er will unser Vater sein, dem wir vertrauen dürfen und vertrauen sollen in allen Lebenslagen. Doch wir vertrauen in aller Regel lieber erst mal auf uns selber und unsere eigenen Fähigkeiten. Und schon haben wir uns dadurch von Gott entfernt, kündigen ihm gewissermaßen die Kindschaft auf und meinen, wir bräuchten ihn nicht. Und ehe wir uns versehen, nehmen wir dann auch seine Gebote nicht mehr ernst. Und so vollziehen wir die Trennung zwischen uns und Gott. 

Und diese Trennung, die hat dann auch Konsequenzen: Konsequenzen für Zeit und Ewigkeit. Denn unsere diesseitige Trennung von Gott, die würde sich dann folglich auch im Jenseits fortsetzen. Und zwar nicht, weil Gott uns dann nicht mehr mag, sondern weil wir selber es so gewollt haben und lieber ohne ihn als mit ihm leben wollen.

Unsere Trennung von Gott: Wir alle - ohne Ausnahme - haben sie vollzogen, aber keiner von uns kann sie von sich aus rückgängig machen. Der einzige, der diese Trennung wieder aufheben kann, ist Gott selber. Und der einzige Weg dazu ist der Weg der Versöhnung.

Versöhnung: Wieder so ein frommes Fremdwort! Was meint Paulus - oder überhaupt die Bibel - denn damit? Nun, Versöhnung im Sinne des Neuen Testaments bedeutet letztlich nichts anderes als, dass Gott, dem wir die Kindschaft aufgekündigt haben, uns wieder neu zu seinen Söhnen und Töchtern macht.

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber.“ So schreibt Paulus. Und das heißt im Klartext der biblischen Botschaft: Gottes Sohn, nämlich Jesus, wurde Mensch. Und er lebte uns vor, was es heißt, Gottes Kind zu sein, das in ungetrübter Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater lebt, ihm restlos vertraut und ergeben ist. Und somit blieb Jesus - als einziger - ohne Sünde und von Gott ungetrennt.

Doch diese ungetrübte Gemeinschaft mit Gott gibt Jesus um unseretwillen auf; er nimmt am Kreuz, ohne es zu müssen, die Trennung von Gott auf sich, um uns wieder die Gemeinschaft mit Gott zu ermöglichen. Denn er stirbt ja am Kreuz stellvertretend für unsere Sünde; und jeder, der daran glaubt und seine Sünde - also: seine Trennung von Gott - bei ihm ablädt, wird frei davon und wird so wieder zu Gottes Kind. - Versöhnung heißt also nichts anderes als, dass Gott uns durch unseren Glauben an seinen Sohn auch selbst wieder zu seinen Söhnen und Töchtern macht, und zwar in Zeit und Ewigkeit.

Das genau ist, damals wie heute, die Botschaft von Karfreitag - und genauso auch schon von Gründonnerstag. Denn genau das spricht uns Jesus ja im Abendmahl zu, wenn wir vor dem Empfang von Brot und Wein (bzw. Traubensaft) die Einsetzungsworte hören und Jesus uns zuruft: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Und: „Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

Schade, dass wir weder gestern Abend noch heute Morgen in der Kirche das Abendmahl feiern konnten bzw. können! Aber das, was wir beim Empfang des Abendmahls zugesprochen bekommen, das gilt uns in der Erinnerung an das, was Jesus damals am Kreuz von Golgatha für uns getan hat, natürlich auch so, und zwar immer und überall: „Christi Leib, für dich gegeben!“ Und: „Christi Blut, für dich vergossen!“

Christus ist für uns gestorben: Das ist und bleibt die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Auch wenn es wohl zu jeder Zeit wesentlich leichter ist, dies zu sagen oder zu hören, als es wirklich zu verstehen und zu begreifen, was das tatsächlich für uns bedeutet.

Vor knapp drei Wochen habe ich eine Geschichte von Arno Backhaus gelesen, die uns das Geschehen von Karfreitag in gleichnishafter Form ein wenig näherbringen will. Und im ersten Moment habe ich gedacht, er hätte sie gerade ganz frisch - passend zur Corona-Krise - geschrieben. Aber in Wirklichkeit ist sie schon 15 Jahre alt und stammt aus seinem damaligen Buch „Bibel dir deine Meinung“. Und da wir sie wohl zu keinem Zeitpunkt besser nachvoll-ziehen können als jetzt, will ich sie - auch wenn sie etwas makaber klingt - mal komplett widergeben. Sie trägt die Überschrift „Geheimnisvolle Krankheit“ und lautet wie folgt:

„Der Tag ist vorbei, du fährst nach Hause. In den Radionachrichten hörst du einen kurzen Bericht über eine kleine Stadt in Indien, wo ein paar Einwohner plötzlich auf sonderbare Art an einer Krankheit gestorben sind, die noch völlig unbekannt ist. Dreiviertel der Menschen sind tot - aber es ist keine Grippe. Das ist sehr interessant für die Wissenschaft. Mediziner werden hingeschickt, um die Sache zu untersuchen. Du denkst nicht weiter darüber nach, aber als du am Sonntag nach der Kirche nach Hause fährst, hörst du einen neuen Bericht im Radio. Nur sind es jetzt keine Dorfbewohner mehr, sondern schon 30.000 Menschen in den Hügeln des betroffenen Gebietes in Indien.

An diesem Abend kommt im Fernsehen ein kurzer Bericht im Abendjournal. Niemand hat bisher etwas von dieser Krankheit gehört. Als du am Montagmorgen wach wirst, siehst du es in großen Schlagzeilen in der Zeitung. Aber es betrifft nicht mehr nur Indien, mittlerweile ist es auch in Pakistan, Afghanistan und Iran. Du hörst den Bericht überall und es wird „die geheimnisvolle Krankheit“ genannt. Die Regierung ruft dazu auf, mit großzügigen Spenden an diese Menschen zu denken und zu hoffen, dass sich alles zum Positiven wendet. Die Frage ist nur: Wie bekämpft man diese Krankheit?

Dann kommt der Präsident von Frankreich mit einer Ankündigung, die alle aufschreckt: Er schließt die Grenzen. Keine Flüge mehr aus oder in die betroffenen Länder. Am Abend siehst du in den Nachrichten, dass eine französische Frau berichtet, dass im Krankenhaus in Paris ein Mann liegt, der an der geheimnisvollen Krankheit sterben wird. Sie ist also nach Europa gekommen, Panik bricht aus.

Soweit man weiß, merkt man erst nach einer Woche, dass man die Krankheit hat. Danach hat man vier Tage seltsame Erscheinungen am Körper, und dann stirbt man.

Großbritannien schließt die Grenzen, aber es ist zu spät. Am Dienstagabend macht der amerikanische Präsident folgende Ankündigung: Keine Flüge aus Europa und Asien, weil dadurch die Volksgesundheit bedroht ist. Sind Familienmitglieder dort, ist das bedauerlich, aber sie können nicht mehr nach Hause, bevor ein Heilmittel gefunden ist. Binnen vier Tagen ist die gesamte Welt in Panik gestürzt. Menschen verkaufen Atemmasken, Menschen fragen sich, was wohl passiert, wenn die Seuche bei ihnen ausbricht, Pfarrer verkündigen das Ganze als eine Strafe Gottes.

Es ist Mittwochabend in der Gebetsstunde in der Kirche, als jemand reinstürmt und schreit: „Stellt das Radio an!“ Menschen in der Kirche hören gebannt den Bericht: Zwei Männer liegen in der Uniklinik in Berlin. Auch sie sterben an der geheimnisvollen Krankheit. In ein paar Stunden weiß es jeder. Wissenschaftler arbeiten rund um die Uhr, nichts wirkt. Überall in Deutschland breitet sich die Krankheit aus. Hamburg, Frankfurt ... Auch in den USA ist die Krankheit mittlerweile ausgebrochen.

Und dann kommt plötzlich ein Bericht: Der Code der Krankheit ist geknackt, ein Heilmittel kann gefunden werden. Gegengift kann entwickelt werden. Es muss aus einer Blutprobe von jemandem hergestellt werden, der noch nicht infiziert ist. Überall werden Menschen aufgerufen, in das nächste Krankenhaus zu gehen und das Blut untersuchen zu lassen. Menschen gehen in Massen in die Krankenhäuser, um dem dringenden Aufruf nachzukommen.

Als du mit deiner Familie am späten Freitagabend im Krankenhaus ankommst, stehen dort schon lange Schlangen von Menschen. Krankenschwestern und Ärzte stechen in die Finger und kleben Etiketten auf die Proben. Deine Frau und deine Kinder waren schon dran. Du wirst gebeten zu warten, bis dein Name aufgerufen wird und du nach Hause gehen kannst. Du stehst dort herum, ängstlich - mit deinen Nachbarn und deiner Familie. Du fragst dich, was um Himmels Willen nur los ist und ob das Ende der Welt in Sicht ist.

Plötzlich kommt ein junger Mann aus dem Krankenhaus, schreit und wedelt mit einem Stück Papier. Du kannst es nicht verstehen. Wieder ruft der Mann. Dann zieht dich dein kleiner Sohn am Ärmel und sagt: „Papa, das bin ich!“ Bevor du es kapierst, packen sie deinen Sohn und nehmen ihn mit. „Augenblick, gleich haben wir’s!“ Und dann: „Es ist gut, sein Blut ist sauber. Perfekt. Wir wissen sicher, dass er die Krankheit nicht hat. Wir denken, dass er die richtigen Bluteigenschaften hat.“

Fünf angespannte Minuten später kommen die Doktoren und Schwestern heraus. Sie weinen und umarmen sich, manche lachen sogar. Es ist das erste Mal seit einer Woche, dass du jemanden lachen siehst. Ein alter Doktor kommt auf dich zu: „Vielen Dank, mein Herr. Die Bluteigenschaften Ihres Sohnes sind perfekt. Es ist sauber, es ist rein, wir können das Heilmittel herstellen.“

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Alles jubelt und freut sich. Da kommt der alte Doktor auf dich und deine Frau zu und sagt: „Können wir Sie mal eben sprechen? Wir waren uns nicht im Klaren, dass der Spender ein Minderjähriger ist, und wir brauchen dazu Ihre Unterschrift.“ Du beginnst zu unterschreiben, als du plötzlich siehst, dass die Anzahl der Blutfläschchen, die abgenommen werden soll, nicht eingetragen ist. „Wie viele Flaschen?“ Da verschwindet das Lächeln des alten Doktors und er sagt: „Wir hatten keine Ahnung, dass es sich um ein Kind handelt. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Wir benötigen sein ganzes Blut.“ Du versuchst noch zu sagen: „Aber begreifen Sie denn nicht...“ - „Wir sprechen hier über die ganze Welt. Bitte unterschreiben Sie! Wir alle haben es nötig.“ - „Können Sie keine Bluttransfusion geben?“, frage ich. - „Wenn wir sauberes Blut hätten, würden wir es tun. Würden Sie unterschreiben, bitte?“ So fragt er erneut. Und in eisiger Stille unterschreibst du.

Dann sagen sie: „Wollen Sie noch einen Moment zu ihm, bevor wir anfangen?“ Kannst du zurückgehen? Kannst du in den Raum, wo er an dem Tisch sitzt und sagt: „Papa, was wird hier gemacht?“ Kannst du seine kleinen Hände fassen und sagen: „Junge, ich habe dich ganz lieb und werde aufpassen, dass dir niemals was passiert, was nicht unbedingt notwendig ist, verstehst du das?“ Und als der alte Doktor zurückkommt und sagt: „Es tut mir leid, wir müssen anfangen. Überall auf der Welt sterben Menschen.“ Kannst du dann hinausgehen? Kannst du weggehen, während dein Sohn fragt: „Papa, Papa, warum hast du mich verlassen?“

Und in der folgenden Woche hält man eine Zeremonie ab, um deinen kleinen Sohn zu ehren, während manche Menschen einfach liegen bleiben und ausschlafen, manche nicht einmal kommen, weil sie zum Picknick an den See fahren wollen, und andere mit scheinheiligem Lächeln kommen, als ob ihnen das alles einerlei wäre! Du würdest am liebsten aufspringen und rufen: “Mein Sohn starb für euch! Ist euch das wirklich ganz egal? Wisst ihr nicht, wie wichtig das für mich ist?“

Vater, jetzt wo ich es durch deine Augen sehe, zerbricht es mir das Herz. Vielleicht kann ich jetzt anfangen, ein klein wenig zu begreifen, wie unendlich lieb du mich hast. Für mich gingst du nach Golgatha, für mich hast du das Kreuz getragen, für mich ertrugst du Spott und Hohn, für mich hast du dich schlagen lassen. Herr, deine Liebe ist so groß, dass ich sie nie begreifen kann. Doch danken will ich dir dafür, ich bete dich an.“

Soweit diese Geschichte von Arno Backhaus, die einen gerade jetzt in dieser Zeit zutiefst bewegt und erschaudern lässt! Schon krass - und auch durchaus ein wenig makaber, wenn man das ausgerechnet an einem Tag wie heute so hört oder liest! Und ich glaube, als Arno diese Geschichte geschrieben hat, hätte er sicherlich nicht mal im Traum daran gedacht, dass sie 15 Jahre später auf einmal so aktuell sein würde.

Allerdings: In zwei Punkten hinkt der Vergleich zwischen dieser vor 15 Jahren erdachten Geschichte und der heutigen Wirklichkeit dann doch. Zum einen nämlich sterben durch das Corona-Virus zum Glück „nur“ einige - wenn auch leider immer noch viel zu viele - Menschen und nicht alle davon Infizierten. Und zum anderen stirbt Jesus damals nicht - so wie der Junge in Arnos Geschichte - deshalb, weil irgendwelche Menschen - in diesem Fall Ärzte - es von seinem Vater erbeten oder sogar - unter anfänglicher Vertuschung der voll-ständigen Wahrheit - regelrecht erschwindelt und erpresst haben.  

Ja, genau genommen muss man sogar sagen: Jesus stirbt auch nicht deshalb, weil sein Vater im Himmel es unbedingt so gewollt hat! Nein, er selber ist es, der diesen Weg gewählt hat und aus eigenen, freien Stücken für uns den Weg nach Golgatha gegangen ist und eben dort für uns gestorben ist, um uns den Weg zu Gott wieder frei zu machen! Um uns mit dem Vater im Himmel zu versöhnen, damit auch wir wieder zu seinen Kindern werden können!   

„Ist jemand in Christus“, so schreibt Paulus in unserem Predigttext, „so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Unsere Trennung von Gott hat also durch Christus und unseren Glauben an ihn ein Ende. Und wir dürfen wieder ganz neu seine Kinder sein und als solche bewusst und im Vertrauen auf ihn mit ihm leben.

Doch das geschieht nicht einfach von selbst, sondern eben dadurch, dass wir uns ganz bewusst durch den Glauben an Christus, der stellvertretend für uns gestorben ist, mit Gott versöhnen lassen, indem wir ihn um Vergebung bitten und seine Vergebung annehmen.

Und wenn wir diese Versöhnung mit Gott erlebt haben, so sagt Paulus, dann sollen und dann dürfen wir das auch nicht einfach stillschweigend für uns behalten, sondern sollen alles nur Mögliche tun, um diese Erfahrung auch anderen Menschen zu ermöglichen. Und deshalb schreibt Paulus weiter: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Und das Schöne daran, wenn wir mit Gott versöhnt sind, ist dann nicht nur, dass wir uns dadurch ganz neu als Gottes Söhne und Töchter erkennen und fühlen dürfen, sondern zugleich auch, dass wir dann sozusagen ganz viele andere Kinder Gottes als Geschwister haben und gemeinsam zu einer großen christlichen Familie gehören, deren gemeinsame Basis ein versöhntes Miteinander ist.

Und das gilt auch in so schweren Zeiten wie jetzt, wo wir, um uns selbst und unsere Nächsten nicht unnötig zu gefährden, unsere sozialen Kontakte so gut wie möglich einschränken müssen, sie dafür aber - zum Beispiel durch Telefongespräche, Briefe, Mails, Päckchen mit Geschenken oder das Beten füreinander - auf andere Art und Weise pflegen können.

Und die Gemeinschaft mit Jesus, die Gemeinschaft mit Gott, die ist durch die aktuelle Corona-Krise erst recht nicht beeinträchtigt. Eher sogar im Gegenteil! Und viele Menschen, die in den letzten Wochen gemerkt haben, dass wir als Menschen eben doch nicht allmächtig sind, sondern immer noch auf Gott und seine Hilfe angewiesen sind, haben sogar in der aktuellen Krise ganz neu angefangen, nach Gott zu fragen und zu beten.

Von diesem Gott und seiner Liebe kann uns auch spätestens seit Karfreitag in der Tat nichts mehr trennen. Paulus hat das mal sehr schön in Römer 8,38f. geschrieben. Und der Mün-chener Liedermacher Andi Weiss hat diese beiden Verse gerade sehr schön aktualisiert. Und mit dieser Aktualisierung von Röm. 8,38f., die ich Ihnen und euch für die kommenden Tage und Wochen als Ermutigung mitgeben möchte, will ich dann auch schließen:

„Denn ich bin gewiss, dass weder ein Virus noch eine andere Krankheit, weder Langeweile noch Einsamkeit, weder soziale Distanz noch Kurzarbeit, weder drohende Insolvenz noch kräfteraubendes Homeschooling, weder fehlendes Klopapier noch Fakenews auf Facebook, weder große Krisen, Angst, Zweifel oder selbst der Tod mich von Gottes Liebe trennen können!“ Amen.

Einige weitere ausgewählte liturgische Elemente für den Gottesdienst am 10.04.2020:

 

Wochenspruch für den Karfreitag:Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3,16)

 

Eingangspsalm für den Karfreitag: Ps. 22, 2-9. 12. 16. 19-20:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. 

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,

und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 „Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.“

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

 

Schriftlesung aus Joh. 19, 16-30:

Da überantwortete Pilatus ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Ps. 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Fürbittgebet:

Guter Gott. Heute an Karfreitag stehen wir wieder in Gedanken vor dem Kreuz deines Sohnes und staunen darüber, wie sehr er uns geliebt hat. Und so wirklich begreifen tun wir es trotz allem noch nicht. Aber zumindest ansatzweise lass es uns doch verstehen und vor allem auch für uns persönlich annehmen, was Jesus damals für uns getan hat. Und so bringen wir all das, was noch immer oder auch wieder ganz neu zwischen uns steht, zu seinem Kreuz, laden es dort ab und bitten dich: Gott, vergib uns, was uns von dir trennt, und erbarme dich unser!

Wir danken dir, dass es nichts gibt, was uns von dir und deiner grenzenlosen Liebe trennen kann, auch nicht jetzt in dieser für uns alle so bedrückenden und Angst machenden Corona-Krise. Lass uns alle behutsam und achtsam miteinander umgehen und bewahre uns und unsere Nächsten davor, dass wir uns und andere mit dem Corona-Virus infizieren.

Ganz besonders bitten wir dich für alle, die schon infiziert sind. Lass sie so gut wie möglich mit ihrer Krankheit umgehen können, schenke ihnen deinen Beistand und deine Kraft und lass sie bald wieder gesund werden. Und denen, die gesundheitlich schon so sehr geschwächt sind, dass sie keine Heilungschance mehr haben, sei besonders nah. Nimm ihnen die Angst vor dem Tod und lass sie merken und spüren, dass jenseits des Todes ein neues und ewiges Leben auf sie wartet und dass du uns auch und gerade im Sterben und im Tod nicht allein lässt, sondern in deinem ewigen Friedensreich schon mit offenen Armen auf uns wartest.

Wir bitten dich für die Politiker in aller Welt, dass sie jetzt die richtigen Entscheidungen treffen: Entscheidungen, die das Leben von möglichst vielen Menschen retten und hoffentlich bald zu einer Eindämmung und zu einem Ende der Corona-Krise führen. Aber zugleich auch Entscheidungen, die nicht egoistisch sind und an der eigenen Landesgrenze Halt machen, sondern die die Völker unsrer Erde verbinden und nicht entzweien, und auch Entscheidungen, die niemanden ins wirtschaftliche Aus oder gar in unverschuldete Armut führen.  

Wir bitten dich für alle Frauen und Männer, die im medizinischen Bereich arbeiten: Gib ihnen viel Kraft und Weisheit, um möglichst vielen Menschen das Leben zu retten, und bewahre sie auch selber davor, sich anzustecken. Und schenke allen Wissenschaftlern, die fieberhaft daran arbeiten, möglichst bald einen wirksamen Impfstoff gegen das Corona-Virus zu entwickeln, ein gutes Vorankommen bei ihren Forschungen und baldigen Erfolg.

Hilf uns allen dabei, aus der gegenwärtigen Situation das Beste zu machen. Zeige uns neue Wege des Miteinanders mit unseren Nächsten. Lass uns die Zeit nutzen für das, was wir tun können und was sonst oft zu kurz kommt. Lass uns vor allem auch dir wieder näherkommen und öffne uns ganz neu für deine heilsame Gegenwart und deine unendliche Liebe.  

…... (Fortsetzung mit einer Zeit zum persönlichen, stillen Gebet und dem Vaterunser) Amen.

Andacht/Gedanken Osterfest von Karl Heinz Ruhs

KHR

Liebe Freunde,
In der Passionszeit gedenken wir des Leidens und des Sterbens Jesu, wie es uns diese Hinterglasmalerei verdeutlicht, die ich vor vielen Jahren in Rumänien erworben habe. Viele Christen versuchen in der Passionszeit sich Jesu Leidensweg zu vergegenwärtigen, wenn sie einen Kreuzweg gehen und sich in die biblische Überlieferung zu versenken, um Einkehr zu halten. Dabei sollte uns bewusst werden, dass es ich bei dem Leiden des Menschensohnes nicht nur um ein abgeschlossenes geschichtliches Ereignis handelt, sondern das Menschenkinder gegenwärtig ungerechterweise dem Leiden ausgesetzt sind und es erdulden müssen. Im Fokus sehe ich die Flüchtlinge in den Lagern, die Hunger und Kälte ausgesetzt sind, die unter unsäglichen hygienischen Bedingungen leben und deren Hoffnung auf Erlösung von Tag zu Tag schwindet. Das sind die Leidtragenden, die von uns gut gestellten und im Wohlstand lebenden heute verraten werden, wie Judas Jesus verriet und die verleugnet werden, wie Petrus Jesus verleugnete und deren Schicksal uns gleichgültig ist, so wie Jesu Schicksal seineJünger nicht berührte und sie ihm in seiner Not in Gethsemane nicht beistanden. Nicht mal eine Stunde konnten sie wach bleiben, sondern verfielen immer wieder in den Schlaf.
So sehe ich unsere Situation heute, wenn wir angesichts des Elends von 20000 Flüchtlingen in dem Lager Moria, nach langem Zögern gerade mal 50 Kinder aufnehmen wollen. Ist das die Angst der Politiker, vergleichbar mit der die Pilatus vor dem Volk hatte, als sie schrien : "Kreuze ihn!" Haben unsere Politiker Angst vor einem Erstarken der AfD und ihrer menschenfeindlichen Anhänger, die dann wieder anfangen würden zu schreien: " Kreuzigt sie!" ? Wie erbärmlich ist das denn? Die Coronakrise lenkt uns ab. Wir verfallen in Selbstmitleid wegen des Kontaktverbotes, aber wir müssen uns fragen lassen, ob wir noch zu echtem, christlichen MIT LEIDEN in der Nachfolge Jesu fähig sind. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen besinnlichen Karfreitag!

Predigt 05. April Beilstein und Rodenroth

Predigt am 05.04.2020 (Palmsonntag) für Beilstein und Rodenroth (Text: Mk. 14, 3-9):

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Palmsonntag steht im Markus-Evangelium,

Kapitel 14, die Verse 3-9, unter der Überschrift „Die Salbung in Betanien“:

 

„3 Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“  

 

Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören

durch deinen Geist und zu deiner Ehre. Amen.  

 

Liebe Gemeinde!

„Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ So lautet der heftige Vorwurf, den viele Mitanwesende erheben, als diese Frau Jesus mit kostbarem Nardenöl salbt. Mehr als 300 Silbergroschen war dieses Fläschchen mit Nardenöl wert, also etwa so viel, wie damals ein Handwerker in einem ganzen Jahr verdient hat. Und normalerweise nahm man von einem solchen kostbaren Nardenöl auch immer nur ein bisschen, so dass es lange Zeit hielt. Diese Frau jedoch nahm den kompletten Inhalt dieses wertvollen Fläschchens, goss ihn über Jesu Haupt aus und salbte ihn damit.   

Unmöglich! So ereiferten sich viele. Wie kann man nur? So eine Verschwendung! So eine Vergeudung! Hätte man mit diesen 300 Silbergroschen nicht wesentlich Sinnvolleres tun können? Hätte man damit nicht vielen Armen helfen und ihnen etwas zu essen kaufen können? Stattdessen schüttet diese Frau das gesamte kostbare Nardenöl komplett über Jesu Haupt aus. Einfach unmöglich, was diese Frau da tut!

Nach rein menschlichen Maßstäben haben sie eigentlich Recht, diese Kritiker. Und wer heutzutage zu Recht anprangert, dass viele Reiche Geld für unnütze Dinge zum Fenster rauswerfen, während vielen Armen das Nötigste zum Leben fehlt, kann sich dieser Kritik sicherlich schnell und bedenkenlos anschließen.

Aber: Wer ist diese Frau eigentlich, von der hier berichtet wird? War es eine reiche Frau, der der Verlust dieses Fläschchens nicht viel ausgemacht hat? Oder war der Besitz dieses Fläschchens fast alles, was sie hatte? Wir erfahren es nicht. Und auch sonst erfahren wir in unserem Text nichts über diese Frau. Also auch nicht über ihre Beweggründe und Motive. Warum sie dies getan hat, bleibt völlig im Dunkeln. Und folglich ist der Evangelist Markus offenbar der Meinung, dass das nicht das Entscheidende an unserer Geschichte ist, dass es darauf also überhaupt nicht ankommt.

Eines aber dürfte trotz allem klar sein, auch wenn es uns Markus nicht berichtet. Nämlich: Diese Frau wird mit Sicherheit einen triftigen Grund gehabt haben, warum sie Jesus diese Wohltat erwiesen hat. Und dieser Grund lässt sich wahrscheinlich am besten mit dem Wort Dankbarkeit wiedergeben. Für irgendetwas muss diese Frau Jesus zutiefst und von ganzem Herzen dankbar gewesen sein. Ob Jesus nun einen engen Angehörigen dieser Frau geheilt hat oder - wie es das Johannes-Evangelium nahelegen könnte - sogar von den Toten auferweckt hat, oder ob er ihr eine schwere Schuld vergeben hat, sie vor anderen Menschen, die ihr schwer zugesetzt haben, in Schutz genommen hat oder ihr auf sonstige Art und Weise ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstannahme wiedergegeben hat, wissen wir nicht. Aber irgendetwas in dieser Richtung wird es wohl gewesen sein.

Jedenfalls wird sich diese Frau - aus welchem Grund auch immer - von Jesus so sehr angenommen, akzeptiert und geliebt gefühlt haben, dass sie sich dafür schlicht und ergreifend in irgendeiner Form bei Jesus revanchieren und bedanken wollte. Und dafür ist ihr das Beste, was sie hat, offenbar gerade gut genug.

Wie Jesu Jünger und auch andere, die das zufällig mitbekommen haben, darauf reagiert haben, haben wir ja schon gehört. Völlige Verständnislosigkeit hat das bei ihnen ausgelöst. Verschwendung! Vergeudung! Wie vielen Armen hätte man damit helfen können!

Und wie reagiert Jesus? Eigentlich - so hätte man denken können - hätte er doch genauso reagieren müssen. Denn gerade Jesus hat sich doch immer wieder für die Armen, Schwachen und Benachteiligten stark gemacht, ihnen geholfen und auch andere dazu aufgerufen, ihnen zu helfen. Hätte er diese Frau da nicht auch kritisieren müssen? Hätte er nicht zumindest sagen müssen: „Gute Frau, es war zwar gut gemeint, was Du da gemacht hast. Aber es wäre besser und sinnvoller gewesen, du hättest damit anderen geholfen.“?

Doch genau so reagiert Jesus nicht. Im Gegenteil: Er verteidigt die Frau vehement gegen ihre Kritiker. „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie?“ So hält er ihnen entgegen. Und dann begründet er seine Haltung mit den folgenden Worten: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“

Wenn Menschen heute darüber diskutieren, debattieren oder gar streiten, worauf es eigentlich beim Christsein in erster Linie ankommt, dann hört man aus den angeführten Argumenten immer wieder heraus, wie hier Gottesliebe und Nächstenliebe gegeneinander ausgespielt werden. Die einen betonen vor allem den nötigen Glauben an Gott und an Jesus und die enge Verbindung mit ihm durch Bibellesen und Gebet. Und die anderen betonen mehr die tätige Nächstenliebe und den Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Und dabei sprechen sich Christen dann nicht selten sogar gegenseitig die Ernsthaftigkeit ihres Glaubens ab.

Wenn ich mir vor diesem Hintergrund unseren heutigen Text anschaue, dann merke ich bei Jesus eine ganz andere Haltung. Denn er spielt Gottes- und Nächstenliebe in keinster Weise gegeneinander aus. Für ihn gehört beides untrennbar zusammen. Wir sollen Gott - und damit zugleich auch ihn als Gottes Sohn - lieben von ganzem Herzen und unseren Nächsten wie uns selbst. So hat es uns Jesus unmissverständlich ins Stammbuch geschrieben.

Und nichts anderes steht auch in unserem heutigen Text. Dass wir Arme allezeit unter uns haben und wir ihnen helfen sollen, das betont Jesus hier ausdrücklich. Aber zugleich kann er sagen: „Mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Und folglich ist die Liebe zu ihm und zu Gott mindestens genauso wichtig. Und in dieser konkreten Situation sogar noch wichtiger.

Denn, so fügt Jesus erklärend hinzu: Diese Frau „hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ Mit anderen Worten: Diese Frau hat sozusagen - bewusst oder unbewusst - bereits Jesu Totensalbung, die den Frauen, die ihn am Ostermorgen salben wollten, nicht mehr möglich war, vorweggenommen und ihm so die letzte Ehre erwiesen.

Aus nachösterlicher Sicht könnte man sagen: Diese Frau scheint regelrecht gespürt zu haben, was kurz darauf mit Jesus geschehen wird. Dass er - stellvertretend für uns - in den Tod geht und für uns stirbt. Weil seine Liebe zu uns größer ist als unsere gesamte Schuld, die er am Kreuz stellvertretend auf sich nimmt. Und diese Liebe zu uns Menschen - und somit auch seine Liebe zu ihr - beantwortet diese Frau mit der größtmöglichen Gegenliebe.

Und so könnte man sagen: In dieser konkreten Situation, kurz vor Jesu Tod, in der diese Frau so gehandelt hat, war es genau das Richtige, was sie getan hat. Zu einem anderen Zeitpunkt dagegen wäre es - und das vermutlich auch aus der Sicht Jesu - das Falsche gewesen. - Und ich denke, das lässt sich auch durchaus auf andere Situationen übertragen, dass man sagen kann und sagen muss: Das, was ansonsten richtig ist, ist in der aktuellen Situation falsch - und umgekehrt! Und genau das stellen wir ja in unserer aktuellen - durch das Corona-Virus geprägten - Situation wahrscheinlich auch alle und ständig neu fest.

Sonst ist es normal und angemessen, sich mit anderen Menschen zu treffen und mit ihnen Gemeinschaft zu haben. Auch und gerade für Christen, die sich regelmäßig zu Gottesdiensten und anderen Gemeindeveranstaltungen treffen. Jetzt dagegen ist es wegen der Ansteckungs-gefahr das Verkehrteste, was wir machen könnten. Sonst ist es wichtig, die Wirtschaft anzu-kurbeln und in Gang zu halten. Jetzt dagegen ist es nötiger, vieles ausfallen und pausieren zu lassen, weil Menschenleben wichtiger sind als Geld und Wirtschaftswachstum.

Das übergeordnete Gebot ist auch für uns hier und heute das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Und deshalb sollten wir uns als Christen auch und gerade jetzt bei allem, was wir tun und lassen, fragen: Was ist im Sinne Jesu? Worüber würde Gott sich jetzt freuen? Und was ist für unsere Mitmenschen - und zwar ganz egal, ob in Deutschland oder in Italien oder an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland - das Hilfreichste und Beste?

Da sind unserer Fantasie letztlich keine Grenzen gesetzt. Und ich staune jeden Tag neu, wenn ich im Fernsehen oder im Internet Berichte darüber sehe, was sich Menschen in der aktuellen Situation so alles einfallen lassen, um anderen Menschen helfen zu können.

Versammlungen und persönliche Treffen sind zurzeit tabu, das ist klar, auch wenn es vielen Menschen - und sicherlich auch vielen von uns - extrem schwerfällt. Vor allem Alten und Kranken, die jetzt im „Idealfall“ nicht mal an Ostern Besuch von ihren Kindern und Enkeln bekommen, weil ansonsten jeder „falsche“ Besuch schlimmste Folgen haben könnte.

Aber dafür hat Gott uns jede Menge Fantasie geschenkt, damit wir uns Gedanken darüber machen können, wie wir anderen ansonsten etwas Gutes tun können. Viele Menschen, die aus Alters- oder Gesundheitsgründen ihr Haus lieber nicht verlassen sollten, sind froh, wenn sie jemanden haben, der für sie Einkäufe erledigt, in die Apotheke geht oder mit ihrem Hund Gassi geht. Viele sind froh, wenn sie von lieben Menschen, die an sie denken, Post erhalten oder angerufen werden. So mancher nutzt auch die Zeit, um für andere etwas zu basteln oder ihnen auf irgendeine andere Art und Weise eine Freude zu machen. Und nicht wenige nutzen die Zeit hoffentlich auch dazu, wieder ganz neu die Begegnung mit Gott zu suchen.

Andere Menschen besuchen, könnt ihr immer, außer jetzt. So würde uns Jesus heute vielleicht sagen. Aber ihnen auf ganz andere Art und Weise Gutes tun, könnt ihr nicht immer. Darum nutzt die Zeit, die ihr jetzt habt, für das, was euch sonst vielleicht nicht möglich ist. Amen.  

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Einige weitere ausgewählte liturgische Elemente für den Gottesdienst am 05.04.2020:

 

Wochenspruch für den Palmsonntag: „Der Menschensohn muss erhöht werden,

damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 14b-15)

 

Eingangspsalm für den Palmsonntag: Ps. 69, 2-4. 8-10. 14. 21b. 22. 30:

Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;

ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.

Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.

Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande.

Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter;

denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen,

und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.

Ich aber bete, Herr, zu dir zur Zeit der Gnade;

Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand,

und auf Tröster, aber ich finde keine.

Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.

Ich bin elend und voller Schmerzen. Gott, deine Hilfe schütze mich!

 

Schriftlesung aus Phil. 2, 5-11:

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich

und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Fürbittgebet:

Guter Gott. Wir sollen dich lieben von ganzem Herzen und unseren Nächsten wie uns selbst. So hat es dein Sohn uns gelehrt. Und eigentlich wissen wir das ja auch. Aber manchmal ist es da gar nicht so leicht für uns zu entscheiden, wann was angesagt ist.

Darum lass uns von der Frau aus Betanien, von deren Salbungsaktion wir heute gehört haben, lernen, wann was für uns dran ist und wann was wichtig und angemessen ist, auch und gerade jetzt in der schlimmen Corona-Krise, wo wir uns oft genug fragen müssen, was jetzt wohl das Bessere und Wichtigere ist.

Und darum bitten wir dich jeden Tag neu, dass du uns die nötige Weisheit und das nötige Fingerspitzengefühl schenkst, um die richtigen Entscheidungen zu treffen: Entscheidungen, die insbesondere für unsere unmittelbarsten Nächsten die besten und hilfreichsten sind. Zeig uns, wie wir anderen bestmöglich helfen können, ohne sie unnötig zu gefährden.

Ganz besonders bitten wir dich  auch für die Politiker in aller Welt, dass sie jetzt die richtigen Entscheidungen treffen: Entscheidungen, die das Leben von möglichst vielen Menschen retten und hoffentlich bald zu einer Eindämmung und zu einem Ende der Corona-Krise führen. Aber zugleich auch Entscheidungen, die nicht egoistisch sind und an der eigenen Landesgrenze enden, sondern die die Völker unserer Erde verbinden und nicht entzweien. Denn letztlich sitzen wir hier auf unserer Erde ja alle im selben Boot.

Wir bitten dich auch ganz besonders für alle Frauen und Männer, die im medizinischen Bereich arbeiten: Gib ihnen viel Kraft und Weisheit, um möglichst vielen Menschen das Leben zu retten, und bewahre sie auch selber davor, sich und andere anzustecken.

Schenke auch allen Wissenschaftlern, die fieberhaft daran arbeiten, möglichst bald einen wirksamen Impfstoff gegen das Corona-Virus zu entwickeln, ein gutes Vorankommen bei ihren Forschungen, damit es möglichst bald ein wirksames Gegenmittel gibt.

Und hilf uns allen dabei, aus der gegenwärtigen Situation das Beste zu machen. Lass die, die zusammenwohnen und sich kaum noch aus dem Weg gehen können, sich nicht gegenseitig auf den Geist gehen und sich dadurch entfremden, sondern lass sie die Zeit dazu nutzen, sich immer besser zu verstehen und zusammenzuwachsen. Und da, wo dies nicht gelingt, bewahre zumindest alle vor unnötiger Eskalation und häuslicher Gewalt.

Und nicht zuletzt hilf uns auch, die jetzige Lage wieder ganz neu dazu zu nutzen, dir näher zu kommen. Hilf uns, an der Warum-Frage nicht zu verzweifeln, sondern wieder ganz neu zu merken, dass wir dich brauchen und es ohne dich nicht geht. Begegne du uns in diesen schweren Zeiten ganz neu und öffne unsere Herzen für dich und deine heilsame Nähe.

…... (Fortsetzung mit einer Zeit zum persönlichen, stillen Gebet und dem Vaterunser) Amen.

Die Ostergeschichte zum Lesen und Vorlesen zu Hause

KV

Predigt 29. März 2020 Beilstein und Rodenroth

Predigt 37 zum 29.03.2020 (von Johannes Knoll):

Vergiss es nie, dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, kein Entschluss von dir.

Vergiss es nie, dass du lebst, war eines anderen Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich.

Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll

singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu, du bist du – Das ist der Clou.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.                                                            

Was wäre das wohl für ein Fiasko geworden, wenn wir uns selbst nach unseren Wünschen und Ideen hätten gestalten können. Nicht auszudenken. Am Ende wären wir noch alle jung und schön geworden, aber ich glaube da sind wir uns alle einig: Schönheit liegt, wie man so sagt, im Auge des Betrachters. Jürgen Werth ist ein Liederdichter, der heute noch lebt. Das ist bei der Zahl der Liederdichter, die wir aus unseren Gesangbüchern so kennen, schon was Besonderes. Zufällig kommt er auch aus der Gegend. Selbst meine Mutter hat ihn gekannt, denn er hat tatsächlich eine Zeit in Braunfels gelebt und ist auch dort in die Gemeinde gegangen. Er ist Jahrgang 51 und hat etliche Bücher geschrieben, etliche Lieder gedichtet und war lange Zeit beim Evangeliums-Rundfunk in Wetzlar tätig, 20 davon als Direktor. Zurzeit steht er in den Schlagzeilen, da er mit Siegfried Fietz gemeinsam etwas macht zum Thema Heimat. Wurde allerdings, wie so vieles in diesen Tagen, verschoben. Er hat sich also keineswegs zurückgezogen und ist weiterhin aktiv. Das hier vorliegende Lied ist sicher das bekannteste von ihm. Ganz gut geeignet für Taufen, wo dann doch die Besonderheit des einzelnen hervorgehoben werden soll, aber auch genauso passend für die Passionszeit, weil Jesus mit seinem Tod am Kreuz wirklich jeden ansprechen will – jeden einzelnen gemeint hat.

Das Lied beginnt mit den Worten: Vergiss es nie, dass du lebst war keine eigene Idee. Nach den etwas scherzhaften Bemerkungen am Anfang möchten wir uns das nicht wirklich vorstellen, was passiert wäre, wenn wir wirklich Einfluss darauf hätten. Gott hat uns so gemacht, wie er uns haben wollte.  Gerade in diesen Tagen ist ja oft die Rede von systemrelevanten Berufsgruppen. Das ist ja schon etwas skurril, gehören doch die Pflegekräfte nun, nachdem sie jahrzehntelang in den Pflegenotstand getrieben wurden, tatsächlich dazu. Was heißt das denn? In kritischen Zeiten besonders wichtig. Das ist etwas, was es bei Gott nicht gibt. Systemrelevante Menschen gibt es bei Gott nicht. Jeder einzelne wurde von Gott so gemacht, wie er ihn haben wollte. Jeder einzelne ist wichtig. Du bist der Clou, was bedeutet: Du bist etwas ganz Besonderes. Eine wunderbare Sache. Völlig unabhängig davon, ob wir nun 1,80 oder 1,50 sind, besonders toll aussehen, oder besonders durchschnittlich. Gott hat uns alle gleich lieb und Gott hat sich bei dem, wie er uns gemacht hat, etwas gedacht, denn er hat uns nach seinen Ideen gemacht und hat uns unser Leben eingehaucht. (Lied 395).  Und da haben wir die wunderbaren Worte aus Psalm 139, wo uns geschildert wird, auf was für eine wunderbare Weise wir doch gemacht worden sind und dass wir Gott dafür danken. So heißt es dort: „Ich preise dich darüber, dass ich auf eine erstaunliche, ausgezeichnete Weise gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke und meine Seele erkennt es sehr wohl.“  Im Gesangbuch finden wir diesen Psalm unter der Nummer 754. Wir Menschen neigen ja dazu abzuschätzen, Menschen einzuteilen, ob sie mehr oder weniger Wert haben. Bei Jesus sind alle Menschen gleich wertvoll. Dafür sind wir sehr dankbar. Er liebt uns mit unseren Fehlern und er kann uns gebrauchen. Und, wenn wir uns nun an die Passionszeit erinnern, es gibt keinen, für den er nicht gestorben wäre. Er ist auch nicht für den einen weniger gern gestorben als für den anderen. Er hat die Schuld von allen getragen und wir können unsere Last, alles, was uns bedrückt, bei ihm abladen und die Freiheit genießen. Er hat mit seinem Leiden und seinem Sterben den Weg frei gemacht, zu Gott zu kommen, ohne irgendwelche Hindernisse zu überwinden. Dafür sind wir ihm dankbar. In diesem Sinne halten wir zusammen und überstehen die schwierige Zeit mit Gottes Hilfe. Du bist kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur – eben ein Gedanke Gottes. Kein Gedanke oder Gebilde irgendwelcher evolutionärer Ereignisse, sondern Gottes Schöpfung, Gottes Wille, und es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass du auf diese Welt gekommen bist. Und wie es in dem Lied „Vertraut den neuen Wegen“ so treffend weitergeht: Er wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.  Ob du dein Lied in Moll singst oder Dur. Ob du eine eher traurige oder fröhliche Grundstimmung dein Eigen nennen darfst. Auch wenn du dir noch so klein und unwichtig vorkommst. Du bist ein Gedanke Gottes – und nicht nur das – ein genialer noch dazu. Du bist Du – das ist der Clou. Und nun beschäftigt uns die Frage, was ist überhaupt ein Clou. Da gibt es ja heutzutage Nachschlagewerke im weltweiten Web. Bei Wikipedia z. B. stieß ich auf einen bekannten Film aus dem Jahr 1973. Gut. Keine gescheite Antwort. Aber dann kamen nach genauerem Hinsehen die einzelnen Bedeutungen zum Vorschein. Attraktion, Glanzpunkt, Höhepunkt, Krönung. Der Clou ist von dem, was so schon ziemlich gut ist, quasi noch eine Steigerung. Da können wir uns ausmalen, was Gott von uns hält. Wir sind ihm wichtig. Was wir tun, ist ihm wichtig. Jeder ist in dem, was er denkt fühlt und handelt, eine außergewöhnliche Besonderheit. Niemand lächelt so, wie du es grad tust. Ich weiß nicht so genau, wie sich das mit dem Lächeln verhält, aber jeder scheint anders zu lächeln. Sicher gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht lächeln, aber damit beschäftigen wir uns heute nicht. Klar gibt es Situationen, in denen einem das Lachen vergangen ist.  Ein Mensch, der nicht lächelt, ist nur halb so schön, sieht nur halb so gut aus. Und - wenn unser Lächeln nicht echt ist, sieht man uns das meistens an. Insgesamt soll halt herausgestellt werden, dass jeder was ganz Besonderes hat, deshalb ist es auch gar nicht nötig, dass wir andere nachmachen. Gott liebt uns genauso, wie wir sind. Und wenn uns tatsächlich das Lachen vergangen ist, dann weiß Gott das auch. Ganz sicher. Neulich an der Kasse im Norma versuchte auch ein älterer Herr, blöde Witze zu machen über das Corona Virus. Keiner hat gelacht, auch nicht die Kassiererin. Das war peinlich und nachdem er das selber gemerkt hat, habe ich mich auch nicht mehr dazu geäußert. Lächeln ist toll. Du bist gewollt – so schallt es nach der zweiten Strophe wieder und wir sind uns sicher, auch wenn wir vielleicht von Menschen nicht gewollt sind, von Gott gewollt sind wir allemal. Auch unser Gesicht hat niemand sonst auf dieser Welt. Natürlich gibt es Leute, denen wir ähneln, das ist ja überhaupt keine Frage, aber unser Gesicht ist einmalig. Das hat Gott auch extra so gemacht, so wie die Augen. Die Augen sind bei einem Menschen was ganz besonderes Extravagantes. Nicht umsonst hat einst Humphrey Bogart gesagt:  Schau mir in die Augen, Kleines - in dem alten Film Casablanca.  Oder wie man es oft zu hören bekommt:  Können diese Augen lügen? Tatsächlich kann es sein, dass man Unehrlichkeit in den Augen erkennen kann. Gott braucht das natürlich nicht, denn er kennt ja ohnehin alle unsere Gedanken von Ferne (das steht übrigens auch im Psalm 139) und weiß, was in unseren Köpfen und in unseren Herzen vor sich geht. Aber unsere Augen sind einzigartig und mit ihnen können wir tatsächlich viel sagen, ohne den Mund aufzumachen. Und du bist reich, egal ob mit ob ohne Geld, denn du kannst leben, niemand lebt wie du. Jeder kann im Prinzip leben, wie er will. Gott mischt sich da oft gar nicht ein. Freiheit ist ja ein großes Gut, ist zwar in diesen Tagen etwas eingeschränkt, aber Gott will uns diese Freiheit gar nicht nehmen. Er möchte ja – und das ist sein innigster Wunsch, dass wir uns ihm freiwillig zuwenden. Freiwillig an ihn glauben, freiwillig ihm nachfolgen, freiwillig seinen Willen tun. Er will keine Marionetten, die er von oben mit ein paar Fäden bedienen kann und die dann schön artig die Bewegungen machen, die er vorgibt. Er möchte, dass wir das alles freiwillig tun. Warum sollten wir das machen? Es ist sicher nicht nur die Dankbarkeit, es ist auch die Liebe. Diese unendliche Liebe zu uns, die wir erwidern. Diese Liebe, die Gott dazu bewogen hat, seinen Sohn auf die Erde zu senden um am Kreuz zu sterben. Damit sind wir wieder in der Passionszeit. Das Lied ist eigentlich kein Lied, was besonders gut in die Passionszeit passt. Die Passionszeit ist aber auch keine Zeit, in der uns 7 Wochen Traurigkeit verordnet sind. Wir dürfen erkennen, dass Gott uns gemacht hat, so wie wir sind, dass er uns liebt, so wie wir sind, dass Jesus auf die Erde gekommen ist für jeden einzelnen von uns, unabhängig wie unterschiedlich wir sind, und dass er am Ende auch für jeden einzelnen auferstanden ist. Gott liebt uns nicht nur, er ist die Liebe. Vielleicht erinnern wir uns:  Gott ist die Liebe, lässt mich erlösen. Diese Liebe hat den Weg frei gemacht zu Gott. Der Vorhang des Tempels ist zerrissen. Kein Hindernis mehr, direkt Kontakt mit Gott zu knüpfen. Diese Liebe dürfen wir erwidern und wir dürfen dankbar sein. Für alles, was er an uns getan hat. Wir dürfen sein Angebot annehmen. Außerdem dürfen wir uns noch für ihn einsetzen. Jeder mit den unterschiedlichen einzigartigen Gaben, die er uns gegeben hat. Wie wunderbar.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Herborn, den 23.03.2020 

 

 

Der Segen nach EG+ 31

Der Herr segne Dich, behüte dich, lasse sein Angesicht leuchten über dir, und der Herr sei dir gnädig!

Er erhebe sein Angesicht über dich, und erfülle dein Herz mit seinem Licht, tiefer Friede begleite dich.

 

AMEN

Predigt 22. März 2020

Predigt am 22.03.2020 für die Kirchengemeinde Beilstein-Rodenroth (Text: Jes. 66, 10-14):

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag „Laetare“ - den vierten Sonntag in der Passionszeit - steht beim Propheten Jesaja, im Kapitel 66, die Verse 10-14:

„10. Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.“

Herr, unser Gott, segne du unser Reden und unser Hören durch deinen Geist und zu deiner Ehre. Schenke uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

„Laetare!“ Oder - statt auf Lateinisch - auf gut Deutsch: „Freuet euch!“ So nennt sich der heutige Sonntag in der Mitte der Passionszeit. Und mit den Worten „Freuet euch!“ beginnt auch unser heutiger Predigttext.

Aber wenn wir das an einem Tag wie heute hören, dann wehrt sich wahrscheinlich erst einmal alles in uns gegen diese Aufforderung. - „Freuet euch!“ Nein! Dazu gibt es nicht den geringsten Anlass! So möchten wir spontan darauf antworten. Nicht heute! Und wohl erst recht nicht in den kommenden Tagen und Wochen!

Im Gegenteil: Wenn wir uns ganz aktuell so umschauen in unserem Land, in Europa und überhaupt in unserer Welt, dann gibt es da wirklich keinen Grund zur Freude, sondern eigentlich nur Grund zur Sorge, wie das wohl alles noch weitergeht.

Maximal zu fünft dürfen wir noch mit anderen zusammen sein. Alle Veranstaltungen sind abgesagt, ganz egal ob Fußballspiele, Feierlichkeiten, Konzerte oder Gottesdienste. Schulen und Kitas sind zu. Das öffentliche Leben ist fast gänzlich zum Stillstand gekommen. Und vielleicht steht uns in wenigen Tagen oder gar Stunden sogar eine Ausgangssperre bevor. Alles als Schutzmaßnahmen, um eine weitere Verbreitung des Corona-Virus zu stoppen.

Aber zu helfen scheint das bislang ja alles noch nicht. Denn die Anzahl der Infizierten steigt weiter, von Tag zu Tag, und das im dramatischen Ausmaß. Und die Angst davor, sich selber zu infizieren und anzustecken, steigt stündlich. Und für viele - vor allem Ältere - sogar die Angst davor, an diesem neuartigen Virus, gegen das es in absehbarer Zeit noch keinen Impfstoff gibt, zu sterben! Also: Grund zur Freude haben wir da zurzeit wahrlich nicht!

Aber andererseits: Dieser Text aus dem Propheten Jesaja, der uns heute als Predigttext dient, ist uns heute sicherlich um ein Vielfaches näher als noch vor ein bis zwei Wochen.

Zwischen der Zeit damals, so um das Jahr 520 vor Christus, als Jesaja diese Worte an sein Volk Israel richtet, und dem März 2020 in Deutschland - oder gar in Norditalien - gab es noch bis vor kurzem nicht viel Gemeinsames. Jetzt dagegen umso mehr.

538 vor Christus, da endete für das Volk Israel die so genannte Babylonische Gefangenschaft. Ein knappes halbes Jahrhundert lebten sie bis dahin als Deportierte, also als Verschleppte, fern der Heimat in Babylon. Doch als die Weltmacht der Babylonier dann im Krieg gegen die Perser verlor, da erlaubten die Perser den Israeliten die Rückkehr nach Jerusalem.

Und folglich zogen sie dann auch zurück nach Jerusalem und Umgebung, ins gelobte Land, das sie so lange und so schmerzlich vermisst hatten. Zunächst voller Begeisterung und Euphorie. Doch die wich - je länger, desto mehr - der Ernüchterung. Denn die alte Heimat lag immer noch in Trümmern. Und der Wiederaufbau funktionierte nicht wirklich. Sofern überhaupt, kümmerten sich alle nur um den Wiederaufbau ihrer eigenen Häuser. Aber der Wiederaufbau der Infrastruktur und erst recht der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem als „Wohnung Gottes“, das klappte nicht wirklich.

Denn da ging bei fast allen der eigene Egoismus über das Gemeinwohl. Und viele träumten sogar der Zeit in der Babylonischen Gefangenschaft hinterher, denn da ging es ihnen eigentlich sogar noch wesentlich besser als jetzt zuhause in Jerusalem.

Das ganze öffentliche Leben, so könnte man sagen, war also lahmgelegt und funktionierte nicht wirklich. Da ging nichts mehr. Und wenn wir uns das vor Augen halten, dann merken wir auf einmal, wie aktuell dieser Text ist. Weit aktueller als noch vor zwei Wochen! Denn genau das gleiche erleben wir ja bei uns auch gerade. Und damit kommt uns dieser heutige Text auf einmal erstaunlich nah. So nah, als wären wir mitten drin.

Betrachten wir uns also mal etwas näher, was Jesaja seinen Mitbürgern daraufhin zuruft - und uns heute hier in Deutschland oder gar in Norditalien ganz genauso!

„Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid!“ So ruft Jesaja - oder besser gesagt: Gott selbst durch den Propheten Jesaja - seinem verzweifelten Volk zu. Und weiter: „Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.“

Vordergründig ist hier zwar von der Stadt Jerusalem die Rede. Aber da Jerusalem hier als Stadt Gottes, als Wohnung Gottes fungiert, ist hier genau genommen eigentlich von Gott selber die Rede. Und zwar auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise, die ich - auch wenn ich kein Anhänger der so genannten „feministischen Theologie“ bin - sehr schön finde.

Meistens wird ja in der Bibel von Gott in eher maskulinen, männlichen Bildern gesprochen: z.B. Gott als Herr, als Vater, als König oder als Hirte. Hier dagegen begegnet uns die weibliche und mütterliche Seite Gottes. Und die ist ungeheuer tröstlich.

Gott wird hier mit einer Mutter verglichen, die ihrem Kind die Brust gibt und es stillt. Was will er uns damit sagen? - Zwar werden wir uns wohl nicht mehr daran erinnern können, wie das bei uns selber war, als wir noch Säuglinge waren und unsere Mutter uns gestillt hat. Aber als Eltern werden es die meisten von uns wohl zur Genüge erlebt haben.

Wenn so ein Baby schreit, dann kann das ja ganz schön heftig und nervig sein, vor allem nachts, wenn wir gerade schlafen, oder wenn wir gerade unterwegs sind. Und alle Versuche, es mit guten Worten oder mit Liebkosungen zu beruhigen, sind dann meistens vergebliche Liebesmüh. Wenn die Mutter aber ihren Säugling behutsam anlegt, ihm die Brust gibt und ihn stillt, dann ist er in der Regel innerhalb kürzester Zeit nicht wiederzuerkennen.

Im Idealfall wird er zunächst ausgiebig trinken, bis er gesättigt ist, macht dann sein „Bäuerchen“ und schläft schließlich glücklich und zufrieden ein. Sozusagen „gestillt“ in jeder Beziehung. Und der Blick auf ein solchermaßen „gestilltes“, zufriedenes und glückliches Kind macht es uns einfach nur warm ums Herz.

Und genau so - so will Jesaja uns hier klar machen - kann und will Gott auch uns „stillen“, beruhigen und trösten, weil er uns das geben will, was wir brauchen - so wie eine Mutter ihrem Säugling.

Gott wird uns stillen, auf dem Arm tragen und auf den Knien liebkosen. So heißt es weiter in Vers 12. Und schließlich in Vers 13: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Toll! Was für ein Gott! Wer würde sich von diesem Gott nicht trösten lassen wollen?

Und genau so ist Gott ja tatsächlich! Damals für das Volk Israel in der zerstörten und am Boden liegenden Stadt Jerusalem - und genauso auch für uns heute, die wir ängstlich und gebannt auf das Coronavirus und seine immer weitere Ausbreitung starren.

Keiner weiß, wie es weitergeht mit diesem Virus. Mancher ist noch immer so sorglos, dass er lieber Corona-Partys feiert, als die Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen durch das Ver-meiden aller unnötigen sozialen Kontakte einzuhalten. Und andere haben mehr oder weniger große Angst davor, weil sie durch ihr Alter oder ihre Vorerkrankungen gefährdet sind.

Aber trotz allem: „Laetare! - Freuet euch!“ So rufen uns unser heutiger Predigttext und zugleich der Name des heutigen Sonntags zu. Denn was auch immer noch kommen mag: Wir sind nicht allein. Gott ist bei uns und ist immer für uns da. So wie eine Mutter für ihr kleines Kind, das noch gestillt und getröstet werden muss.

Und dieses Wissen um diesen fürsorglichen und mütterlichen Gott, das kann uns sehr wohl die Angst nehmen, die so manchen von uns zurzeit umtreibt und lähmt.

Selbst wenn der eine oder andere die Infizierung durch das Coronavirus nicht überleben sollte, so darf er dennoch friedlich und getrost wie ein frisch gestilltes Kind einschlafen - in der festen Gewissheit, in einer anderen und besseren Welt, einer Welt ohne Viren, Krankheit, Schmerzen und Tod, gewissermaßen im Mutterschoß Gottes wieder aufzuwachen.

Allen anderen aber wird Gott die nötige Kraft und die nötige Weisheit geben, um jetzt das Richtige zu tun: das, was jetzt nötig ist, um die weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen. Auch wenn es mit viel Entbehrungen, Verzicht und Einsamkeit verbunden ist. Aber genau das musste ja auch Jesus damals ertragen: vor 2000 Jahren, als er leiden und sterben musste.

Und in der diesjährigen Passionszeit können wir seinen damaligen Weg vielleicht so gut ver-stehen und nachvollziehen wie noch niemals zuvor. Und wenn wir jetzt fragen: Wo ist er jetzt eigentlich? Dann lautet die Antwort klar und eindeutig: Hier bei uns. Und ganz besonders bei denen, die bereits infiziert sind, und erst recht bei denen, die mit dem Tod ringen.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ So schreibt Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus. (2. Tim. 1,7) Und mit eben diesem Geist will er auch uns jetzt erfüllen: mit dem Geist der Kraft und der Besonnenheit, der uns jetzt dabei helfen will, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen, und mit dem Geist der Liebe, der uns dabei hilft, vor allem an die zu denken und in deren Sinne zu handeln, die jetzt am meisten gefährdet sind.

Und diesen Gott an unserer Seite zu haben, von ihm geführt und getragen zu werden und von ihm - wie ein kleines Kind von seiner Mutter - „gestillt“ und getröstet zu werden, das schenkt uns als Christen allemal auch Grund zur Freude, auch mitten in der Passionszeit und mitten in der Corona-Krise. Amen.  

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Einige weitere ausgewählte liturgische Elemente für den Gottesdienst am 22.03.2020:

 

Wochenspruch für den Sonntag „Laetare“: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh. 12,24)

 

Eingangspsalm für den Sonntag „Laetare“: Ps. 84, 2-13 (EG 734):

2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! 

3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN;

mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. 

4 Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen -

deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott. 

5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.

6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! 

7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund,

und Frühregen hüllt es in Segen. 

8 Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion. 

9 HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!

10 Gott, unser Schild, schaue doch; sieh an das Antlitz deines Gesalbten! 

11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.

Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in den Zelten der Frevler. 

12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre.

Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. 

13 HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!  

 

Schriftlesung aus Joh. 12, 20-24:

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Fürbittgebet:

Guter Gott. Wir danken dir für deine unbeschreibliche und grenzenlose Zuwendung und Nähe. Dafür, dass du uns tröstest und umsorgst wie eine Mutter ihr kleines Kind.

Und doch zweifeln wir oft daran, dass du dies wirklich tust, gerade in Zeiten wie diesen, wie die meisten von uns sie noch nie erlebt haben und die anderen zum letzten Mal vor einem dreiviertel Jahrhundert im Zweiten Weltkrieg.

Das Corona-Virus, das sich - trotz größtmöglicher Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen - immer schneller ausbreitet, unser ganzes öffentliches Leben lahmlegt und uns dazu zwingt, unsere sozialen Kontakte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, macht uns Angst und lähmt uns. Viele sind schon davon infiziert und einige sogar schon daran gestorben. Und so fragen wir uns: Wie soll das noch weitergehen? Was passiert morgen und nächste Woche?  

Gott, wir bitten dich: Lass auch uns - ganz besonders jetzt in dieser schlimmen Zeit - deine Nähe, deine Liebe und deinen Trost spüren, so wie ein kleines Kind, das gestillt wird, die Zuwendung seiner Mutter spürt und damals dein Volk Israel sie gespürt hat.

Schenke uns die nötige Kraft und Besonnenheit, um jetzt das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen. Und schenke denen, die noch immer allzu sorglos sind und lieber zusammen abfeiern als Sicherheitsregeln einzuhalten, die nötige Einsicht und Vernunft.

Hab Dank für das, was Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger und viele andere, die im Gesundheitswesen tätig sind, alles zum Wohl ihrer Mitmenschen leisten. Und schenke ihnen auch weiterhin die nötige Kraft und die nötige Bewahrung.

Schenke uns allen die nötige Nächstenliebe und lass uns erkennen, wo auch wir ganz konkret helfen können, zum Beispiel durch Einkäufe und Botengänge für gefährdete Mitbürger, die ihre Wohnung zurzeit lieber nicht mehr verlassen sollten.

Gott, wir bitten dich, dass dieser ganze Spuk möglichst bald zu Ende ist, dass die Zahl der Infizierungen bald spürbar zurückgeht, unsere Politiker die richtigen Entscheidungen treffen und unsere Wissenschaftler bald einen Impfstoff gegen das Coronavirus finden.

Hilf uns auch, dass wir in dieser schweren Zeit wieder ganz neu lernen und begreifen, was wirklich wichtig ist und was nicht. Lass uns neu begreifen, was Jesus damals erleiden musste, und lass uns die zweite Hälfte der Passionszeit ganz bewusst und ganz neu erleben.

Und lass uns nicht zuletzt auch die Osterbotschaft ganz neu begreifen. Schenke uns dadurch auch neue Hoffnung und Zuversicht für das, was die kommenden Tage und Wochen uns noch bringen. Nimm uns unsere Angst und begleite du selber uns auf Schritt und Tritt.

…... (Fortsetzung mit einer Zeit zum persönlichen, stillen Gebet und dem Vaterunser) Amen.

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